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Hashspam, next level – Die Schattenseite von Social Media

Ich hatte ja immer so mein Problem damit, Spamaccounts bei Twitter überhaupt zu bemerken. Ich followe denen ja schließlich nicht. Meistens bemerke ich die Spamaccounts erst in dem Moment, wo Twitter die Accounts löscht.

Die Unbemerktheit ändert sich jetzt.

Twitterspam

Die Spamaccounts fangen an, mit Hashtags in den Aufmerksamkeitsradius der Microblogger zu gelangen. Hier sind die Avatarbilder noch recht eindeutig, das müssen sie aber natürlich nicht sein. Für eine Veranstaltung wie z.B. die Reboot eine unangenehme Sache bezogen auf die Dokumentation des Kongresses und die unmittelbare Aussenwirkung der Kommunikation. Mich erinnert das oben gezeigte Szenario an die fliegenden Penisse, die einst Second Life Veranstaltungen torpediert haben.

Was kann man machen? Während der laufenden Veranstaltung wahrscheinlich nicht so sehr viel, ausser kontinuierlich die Accounts blocken und an Twitter melden. Doch die Reaktion des Twitter Supports wird schon allein zeitzonenbedingt sehr verzögert sein.

Eine öffentliche Timeline für Veranstaltungen zu lesen könnte in Zukunft immer nerviger werden – vielleicht ist die Zeit reif für “managed Timelines”? Könnte ein interessantes Modell sein. Profis stellen die Twitterer in einer managed timeline (vll sogar moderiert) zusammen, die vor Ort sind und twittern…

Nur so eine Idee, das war hier meine Session auf dem #smbc09 auf dem ich grade weile und selbstverständlich multitaskingtechnisch auch ganz gespannt dem Vortrag zuhöre, der grade gehalten wird :)

Twitter, the Cleverle

Ganz clever, die Idee von Twitter, bei der Neuanlage eines Accounts Follower vorzuschlagen. Natürlich kann man die Vorschläge per händischem OptOut entfernen, huscht man aber bei der Registrierung darüber hinweg, folgt man direkt 20 Accounts.

Interessant dabei ist, das man als derjenige Account, der in dieser Liste vertreten ist, vermutlich zukünftig Geld bezahlen muss, ach, vielleicht ist das ja längst so.

Besser, auch für den Kunden, wäre es natürlich, wenn diese Vorschläge erst dann erfolgen, wenn ich als Neuzugang bereits mein Profil hinterlegt habe, dann könnten nämlich die “suggestions” anhand meiner Interessen erfolgen. Das wäre dann für MICH ein echter Mehrwert und für den Businesskunden, der dafür zahlt wahrscheinlich auch.

Microblogging: Sidestream oder Zufallsprinzip?

Obwohl ich seit einiger Zeit an einer Web2.0-Depression leide, bin ich immer noch ein leidenschaftlicher Twitterer. Allerdings teile ich nicht die Euphorie und Hypegesänge bezüglich der Aussage, dass Twitter beizeiten zum Mainstream wird oder “the next big thing” für Unternehmenskommunikation oder Marketing. Und das aus folgenden Gründen:

1. Userzahlen

Bezogen auf Deutschland (je nach Statistik 20-70.000 Twitterer) ist dies wohl eine zu vernachlässigende Nutzerzahl. Natürlich wächst sie derzeit rasant, aber: bis die kritische Masse für einen Mainstream erreicht wird ist (meine Prognose) das Thema Twitter wieder “durch”. Es wurden ja bereits etliche Vergleiche zu Second Life gezogen, und natürlich ist allein die technische Barriere bei SL deutlich höher, aber zum Twitterer wird auch nur, wer regelmäßig twittert – und das ist die Barriere von Twitter: den Schwachsinn erkennen, filtern und dranbleiben. Darüber haben schon so manche die Geduld verloren und sind wieder ausgestiegen aus der Timeline.

2. Mainstreams

Daran anschließend stellt sich für mich die Frage, ob es im WebX.0 überhaupt noch Mainstreams geben wird. Die Innovationszyklen werden immer schneller, so dass für eine einzelne Technologie/Tool wie das Microbloggen eigentlich kaum Zeit bleibt, sich “zu setzen” und zu entwickeln. Beispiel: der derzeitige Umschwung von Blogs auf Microblogs. Meine These: es wird zukünftig eher “Sidestreams” geben – ein Amazonasdelta des Internets mit vielen Seitenarmen eines Flusses. Einer dieser Sidestreams ist Microblogging, einer anderer Blogs, ein weiterer Videostreaming, etc.. Keiner dieser Sidestreams wird es allein als Mainstream schaffen, aber sie befüllen den gleichen Hauptstrom des Netzes.

3. die Krux der Microkommunikation für Unternehmen

So. Ich glaube mittlerweile, dass Twitter zum jetzigen Zeitpunkt für Unternehmen wenig Mehrwert bringen wird. Warum? Ja, ein Unternehmen oder eine Marke kann News über sich in die Timeline geben. Aber wie geht ein Unternehmen derzeit vor? Es sucht sich die Mavens auf Twitter, also diejenigen, die viele Follower haben und damit vermeintlich für virale Effekte sorgen. Das hat aktuell zwei Nachteile: diejenigen, die viele Follower haben, haben meistens auch um die 1000 denen sie selbst folgen. Da ein Unternehmen/oder eine Marke in der Regel nicht stündlich twittert (und das bitte auch nicht tun sollte) ist es ein reiner Glücksfall, von einem Heavy-Twitterer überhaupt gelesen zu werden, geschweige denn von ihm ge-retweetet (sorry für das denglish) zu werden.  Am ehesten tauchen die Unternehmens- und Markentweets in der Timeline eines Twitterers auf, der relativ wenigen folgt. Allerdings ist das entweder Programm, d.h. diese Twitterer folgen aus Prinzip nur wenigen oder es sind Twitterer die wenig twittern, d.h. meistens auch nichts verbreiten und eine geringe Sichtbarkeit haben. Die Chancen für ein Unternehmen oder eine Marke, eine PR-relevante Sichtbarkeit zu erzielen, sind meines Erachtens denkbar gering. Derzeit.

4. die Krux mit der persönlichen Timeline

Und damit komme ich direkt zum vierten Punkt. Ich persönlich folge ca. 1000 Twitteraccounts, größtenteils handelt es sich um deutsche Accounts und ein paar gehören zur internationalen, daher meist amerikanischen, Web Bohemè. Die amerikanischen Tweets sehe ich tagsüber aufgrund der Zeitverschiebung fast gar nicht in meiner Timeline (ausser die der Hardcore-Twitterern). Bei den deutschen Accounts denen ich folge, lese ich gefühlt nur diejenigen, die regelmässig, also mehrmals täglich twittern. Alle anderen unterliegen dem “Zufallsleseprinzip” wie oben beschrieben. Im Grunde ist es also fast egal, ob ich 300 Accounts folge oder 1000 Accounts. Um inhaltliche Informationen zu Themen zu bekommen, die mich interessieren – muss ich eigentlich überhaupt niemanden folgen, dafür muss man nicht mal selbst twittern, es reicht search.twitter.com oder irgendein Analyse-Client. Um mit entsprechenden Twitterern meiner relevanten Themen zu kommunizieren, bin ich entweder auf die Gnade des @replies angewiesen, falls das Interesse nur einseitig ist oder ich muss mich so interessant machen, das mir der Guru ebenfalls folgt. Na ja.

Quintessenz:

Ich glaube, dass sich Twitter in kleine Themenräume aufteilen wird. Man hat einen persönlichen Twitteraccount, mit dem man die 08/15 daily Kaffee, Büroalltags- und Lebenstweets bewerkstelligt und zusätzlich ein oder mehrere Accounts für Fachthemen, in deren Timeline dann weniger #dsds #gntm oder #tatort Tweets auftauchen. Dazu passt übrigens auch der Trend zur Qualität.

Innerhalb dieser sehr spezifischen Gruppen (Long Twail? ;) könnte dann auch ein Unternehmen möglicherweise effektiver PR betreiben oder sogar kommunizieren. Soweit haben die meisten Unternehmen Twitter jedoch noch nicht durchdrungen, denn das macht viel Arbeit, kann schlecht outgesourct werden und erfordert Geduld,  Zeit und p-e-r-s-ö-n-l-i-c-h-e-n Einsatz.

Da Twitter derzeit leider keine Gruppen unterstützt, muss man zur Zeit auf die Methode der Multi-Accounts zurückgreifen. Ob Twitter überhaupt per Hashtag oder ähnlichem einzelne Tweets unterschiedlichen Timelines explizit zuweisen können wird, weiss auch niemand.
Ich bin allerdings überzeugt, dass die one-and-only einzig glücklich machende Timeline längst angezählt ist, denn ich habe eigentlich nicht EIN Twitter-Netzwerk sondern viele kleine.

Vielleicht kommt eh bald der nächste Zug zum aufspringen?

Ich war und bin übrigens ein grosser Anhänger von Second Life und innerhalb des letzten Jahres ist SL kontinuierlich gewachsen. Das werden die Microblogging-Plattformen auch, ob gehypt oder nicht.
Nur die Scheuklappen der geistigen Inzucht sollte man ab und zu mal abnehmen.

Twittern aus dem Glashaus

Die Twitterer, das sind doch die, die sich gerne zum Kreis der digitalen Bohème zählen, die den Holzmedien gerne vorwerfen, wie sehr sich diese hinterm Berg der modernen Kommunikation befinden, die Twitterer die nahezu jedem, der die Micro- und Macrobloggerei partout nicht verstehen will mangelnde Medienkompetenz vorwerfen. Gilt das für alle Twitterer? Nein, natürlich nicht, aber für genügend. Und zwar für all die, die Medienkompetenz mit der Nutzung und dem technischen Einsatz von Tools verwechseln und nicht sehen, dass Medienkompetenz immer auch mit den Inhalten, die über diese Tools ins Internet kommen, zu tun hat.

Genau diese mangelnde Medienkompetenz konnte man gestern NICHT im “ersten deutschen Twitter-Fall” wie ihn die Medien nahezu unsäglich bezeichnen, sondern im, wenn man überhaupt eine solche Bezeichnung verwenden möchte, “ersten deutschen Twitter-FAIL”.

Angesichts einer solchen Alptraum-Katastrophe, bei der Menschen ihr Leben verlieren und die pure Fassungslosigkeit und Trauer hinterlässt, scheinen manche Twitterer weiter nur das eine Ziel zu verfolgen, welches sie eh jeden Tag haben: Sichtbarkeit und Aufmerksamkeit in der Timeline um jeden Preis. Nein, von einem Bürgerjournalismus sind wir weit entfernt, wir sind mitten im Bürgerboulevard, wo die letzten Hemmschwellen des geschmacklosen Sarkasmus fallen. Ja, niemand kann mit einer solchen Katastrophe vollständig richtig umgehen, weder im Print, noch im TV, noch im Internet. Und das einzige was Twitter gestern gezeigt hat ist, dass es nichts nutzt, schneller Unfähigkeit zu demonstrieren als andere Medien.

Und bei manchen gemacklosen und unbedachten Tweets frage ich mich, ob die Twitterer mal überlegt haben, dass die Angehörigen, Schüler und Lehrer all diese Sprüche ebenfalls lesen können und ob ihre Öffentlichkeits- und Mediengeilheit nicht manchmal nur das Zweitwichtigste ist. Wenigstens für einen Tag.

Terrortainment oder die Wahrheit?

Es ist einer dieser Tage an dem die Welt im Chaos versinkt und wer twittert sitzt in der ersten Reihe. Die gefühlte Nähe zur Katastrophe reicht bis zur Bordsteinkante des Taj Mahal Hotels. Mehr als 6000 Tweets pro Stunde tauchen im globalen Twitterstream auf und berichten. Sieht man sich diese Flut von 140-Zeichen Mininachrichten genauer an, stellt man fest: Die meisten davon sind Re-Tweets, also Wiederholungen von Tweets, die bereits wer weiss wie oft und von wievielen durch die Timeline gejagt worden sind. Ob wirklich grade nochmal ein Feuer ausgebrochen ist, wieviele Geisel tatsächlich noch in der Gewalt von wem auch immer sind, eine verläßliche Information bekommt man nicht so recht. Umso bedenkenswerter, das CNN auf Twitterer in der Berichterstattung zurückgreift, die sie aus genau dieser weltweiten Timeline herausgreifen. Manche dieser vermeintlichen Vorort-Berichterstatter haben in ihrem Twitterprofil nichts zu bieten ausser ihrem Nickname. Keinen Klarnamen, keinen Link auf eine Website oder ein Blog.

Was macht das mit mir, mir persönlich? Nun. Erst einmal finde ich die Live Berichterstattung über ein Microblogging Tool bemerkenswert und sehr gut. Sie könnte in Katastrophenfällen wie diesen echten Nutzen bringen. So wie die Blutspenden-Aufrufe oder der Hinweis, Familiennachfragen doch bitte mit dem Hashtag #mumbaifamily zu taggen. Und es gibt sicher noch sehr viel mehr wirklich sinnvolle Aktionen, die man über Twitter, etc.. verbreiten kann. Allerdings sollten diese, soweit es mich angeht, über ein vertrauensvolles Account verbreitet werden. Schließlich hat jeder Twitterer, der seinen Tweet mit #mumbai hashtaggt über die Suchbegriff-Auswertung von search.twitter.com SOFORT eine Attention die über seine normalen 10 Follower hinausgeht. Auf einmal fällt er CNN, BBC oder DerWesten auf. Je reißerischer und emotionaler der Mensch berichtet umso größer die erzeugte Aufmerksamkeit.

Doch wo ist sie, die viel besungene Authentizität des Web2.0? Kann ich in Katastrophensituationen den Nachrichten eines Twitterusers, der nur aus einem Nickname besteht, wirklich vertrauen? Und kann ich in der heutigen medialen Zirkuswelt einem Nachrichtensender, der sich auf solche Twitterer bezieht, vertrauen, daß er zugunsten einer belegten vertrauenswürdigen Quelle der Wahrheit näher kommt und stattdessen nicht der Erste ist, der eine Meldung bringt? Nochmal: ich finde es gut, das es Bürgerjournalismus gibt. Und mir fällt auch spontan keine Lösung ein, die authentische, glaubwürdige Bürger-Berichterstattung sicherstellen könnte, ausser “Bitte melden Sie sich hier mit ihrem Klarnamen und ihrer Adresse an, bevor sie uns sagen, in welche Richtung der Terrorist grade läuft”. Es geht sicher um das Verantwortungsbewußtsein des Einzelnen und der Einzelnen in der wilden Horde.

Genervt haben mich zum Beispiel die folgenden Dialoge um die Nachricht, ob von offizieller Stelle aus Mumbai darum gebeten wurde, doch bitte nicht mehr über Polizei- und Militäraktionen zu twittern, da die Terroristen möglicherweise ebenfalls die Twittertimeline lesen.

(bitte von unten nach oben lesen)
Picture 378

Es bleibt festzustellen, Twitter ist schneller als andere Medien, aber deshalb nicht glaubwürdiger und einen Umgang mit diesem schnellen Tool müssen wir alle und selbst die Digital Natives erst lernen. Zurück zur Frage, was dies alles bei mir persönlich auslöst, die Antwort: ich glaube dem Netz immer weniger, ich bin immer verunsicherter, oft wütend und immer öfter deprimiert was die Glaubwürdigkeit von Informationen betrifft, und damit schließe ich die Informationen vermeintlich seriöser Quellen ein.

Warum, frage ich mich, twittert eigentlich kein grosser Sender direkt vor Ort (z.B. cnninthefield), statt wie fast alle grossen Medienunternehmen, lediglich einen RSS Feed einzubinden? Dann müsste ich mir auf der Suche nach einer glaubwürdigen Quelle nicht erst einen Wolf googlen, oder irgendwo anrufen, wie dieser Mensch (Geschlecht unbekannt):

Picture 379

Und in anderen Krisengebieten, z.b. im Kongo, wo jeden Tag tausende Menschen auf der Flucht sind, dort scheinen die Menschen keine Computer zu haben und keine Handys und keine Kameras. Und deshalb gibts von dort und darüber auch kein Terrortainment. Dort sterben die Menschen einfach so, scheinbar ohne das es uns interessiert. Und das ist das Schlimmste.

Update:
mehr zu den hässlichen Seiten von Twitter bei der HAZ, dem Spiegel.

Historische Tage

Ich bin froh, daß ich in meinem Leben schon an einigen historischen Momenten teilhaben konnte. Ich meine neben den persönlichen historischen Momenten wie der erste Kuss, die erste 5 in der Schule, die erste Fahrt im eigenen Auto, die Diplomurkunde in eine Pfütze fallen lassen – ich meine die wirklichen, für sehr viele Menschen historischen Momente.

Als ich 1975 auf den Schultern meines Vaters der Verkündung der Abstimmung über die Unabhängigkeit meines geliebten Heimatortes Hohenlimburg lauschte, die allerdings zu Ungunsten Hohenlimburgs ausfiel, war dies vielleicht der erste kleine historische Augenblick. Noch heute gibt es alle paar Jahre Anstrengungen die Unabhängigkeit zurückzuerobern. Alle Hohenlimburger fuhren Autos mit Aufklebern, auf denen stand: “Hohenlimburg statt Hagen”. Manche fahren auch jetzt noch damit herum.

Dann kam das Studium, und ich saß im November 1989 in meiner ersten eigenen Wohnung in Glücksburg /Flensburg und kannte erst eine Handvoll Komilitonen. Ich hatte kein eigenes Auto und war absolut nicht mobil. Am Abend des 9. November, als ich irgendeine frühe Rosamunde-Pilcher Verfilmung o.ä. sah, auf jeden Fall einen Spielfilm – erschien auf einmal ein Ticker im Bild. Ich glaube es war der erste Ticker, den ich überhaupt je gesehen hatte, soweit ich mich erinnere. Auf jeden Fall lief durch das Bild “Die Berliner Mauer ist offen. Das Programm wird in Kürze unterbrochen”. Mehr nicht. Ich werde das nie vergessen. Ich habe sofort wild in meinen 6 Programmen hin- und hergeschaltet und saß den Rest der Nacht Rotz und Wasser heulend vor dem Fernseher. Ich wünsche, ich hätte ein Auto gehabt um nach Berlin zu fahren oder Wismar oder so, oder ein Handy um jemanden anzurufen der ein Auto hat. Aber ich hatte nicht mal ein Telefon. Tragisch. Von Internet träumten wir nur. Also kaufte ich am nächsten Tag von (fast) jeder Zeitung ein Exemplar, steckte es in eine Plastikfolie und dann in eine Holzkiste. Den Inhalt dieser Kiste, dachte ich, werde ich irgendwann einmal meinen Kindern zeigen.

Dann kam der 11. September 2001. Ich saß an diesem Morgen in einem Kundenmeeting bei der TUI. Irgendwann ging die Tür des Besprechungsraums auf, ein Mitarbeiter steckte den Kopf herein und sagte: “Ein Sportflugzeug ist grade ins World Trade Center geflogen”. “Oh”, sagten wir alle und arbeiteten weiter. Ein paar Minuten später ging die Tür wieder auf: “Es war eine Boeing”. Da sahen wir uns alle an und sagten nichts. Im Flur hörten wir die Leute hin- und herlaufen. Dann stand der TUI-Mitarbeiter auf und sagte: “Lassen Sie uns mal kurz gucken”. Wir standen mit einigen Leuten um einen PC herum und versuchten verzweifelt eine Internetseite aufzurufen. Irgendwann kamen wir dann auf bild.de, die innerhalb kürzester Zeit ihren ganzen KlickiBunti-Kram runtergenommen hatten – und nur ein Bild zeigten: Die Türme, in die mittlerweile das zweite Flugzeug geflogen war. Natürlich wurde das Meeting abgebrochen. Die nachfolgende Woche hat mich paralysiert. Mein Fehler war, einen Fernseher in meinem Büro zu haben. Ich starrte den ganzen Tag auf die 6 Ticker auf CNN. 3 oben, 3 unten. Irgendwann im Laufe der ersten 24 Stunden, nachts, als Nachrichten ungefiltert und ungeprüft über die Bänder liefen, stand dort irgendwas von der Überlegung der US-Regierung Defcon 1 auszulösen. Da habe ich den Fernseher ausgemacht, bin ans Fenster gegangen, habe auf Hamburg gesehen und hatte ein ohnmächtiges Gefühl tiefer Angst. Ich werde das, genau wie den Mauerfall, nie vergessen. Weder den Moment, noch das Gefühl dabei. Am nächsten Morgen kaufte ich wieder von (fast) jeder Zeitung ein Exemplar und steckte es in meine historische Kiste.

Jetzt ist der 4. November 2008. Es gibt Blogs. Cool. Heute nacht geht die Ära Bush zu Ende. Schon allein dafür wird der halbe Planet eine Flasche Champagner öffnen. Heute nacht wird vielleicht der erste afro-amerikanische Präsident der USA gewählt, oder der Älteste oder die erste weibliche Vize-Präsidentin. Das ist alles historisch und gross – das erste vor allem. Doch das ist es nicht allein, es sind die Amerikaner selbst, die einem durch das Internet, durch tausende Videos und mittlerweile wahrscheinlich Millionen Tweets wieder näher gekommen sind. Die Bilder und Sätze der Menschen zu lesen, ihre Begeisterung zu spüren, zu sehen wie sich die jungen Menschen haben mobilisieren lassen – das macht es so besonders. Und das der Rest der Welt mit dabei ist, das unsere Videos, unsere Tweets, unsere Blogs, beitragen. Der Gedanke daran, daß die Wahlparties diese Nacht nicht nur in Amerika sind, sondern überall, auf der ganzen Welt – das bedeutet, das Amerika heute Nacht gewonnen hat. Und egal wie es ausgeht heute Nacht werden sie, wie wir 2006, für mich die “Wähler der Herzen” sein.

Morgen früh werde ich wieder (fast) alle Zeitungen kaufen, sie sorgfältig in eine Plastikhülle stecken und in die historische Kiste packen. Haltet mich für altmodisch, aber ich freue mich darauf, irgendwann irgendwelchen Kindern (wer weiss, vielleicht ja doch noch meinen eigenen) diese Papiere zu zeigen, zusätzlich zu all den digitalen Dokumenten, die diese Nacht hervorbringen wird.

Doch bei allen pathetischen Gedanken habe ich auch Angst, daß es zu Kravallen kommt und ich hoffe wirklich sehr, daß heute Nacht niemandem etwas passiert, ausser morgen früh einen dicken Kopf zu haben.

PS: Es gibt noch einen historischen Moment, an den ich mich gerne erinnere. Die WM 2006. Es ist eher eine Welle als ein Moment. Und ich werde mich immer wieder gerne daran erinnern wie unser Land neben den Nörgeleien, dem Pessimismus und den ständigen politischen Ypsilantereien auch sein kann: begeistert, emotional und herzlich.

Migration ins Web 2.0 – wie es dazu kam (Folge 1)

um meinem Bloguntertitel gerecht zu werden, werde ich in drei Folgen meine Migration vom Web1.0 ins Web2.0 dokumentieren.

Was ist alles passiert? Ende Dezember 2001 bin ich als Vorstand meines StartUps COCUS (sitzt heute in Frankfurt und bietet Consulting an) zurückgetreten. Im März 2002 habe ich eine Regieassistenz bei einem Freien Theater in Hamburg begonnen – die ich wahrscheinlich nur deshalb bekommen habe, weil ich ein Auto hatte, kein Geld wollte und erzählt habe, wieviel VC ich für mein StartUp geraist habe. Was tut man nicht alles für die Kunst. Nach der Produktion ging es im Theaterbetrieb weiter. Ich habe auf dem Festival Politik im Freien Theater gearbeitet und dort die Produktion Heidi Hoh 3 von René Pollesch betreut, der u.a mit world-wide-web slums Stücke produzierte, die einen sehr starken Bezug zur New Economy hatten. 2003 war ich für 8 Monate Stipendiatin an der Akademie Schloss Solitude. Ein Meilenstein in meinem Leben. Bis 2006 habe ich dann abwechselnd in Theaterproduktionen und klassischen IT-Projekten gearbeitet. Ende 2006 wurde ich dann ins Second Life assimiliert. Ich habe fast 4 Monate lang nur 4 Stunden am Tag geschlafen und den Rest in Second Life verbracht. Hammer. In Second Life habe ich @pixelsebi beim Möbel-Shoppen kennengelernt. Leider hatte er grade keine Zeit, als ich ihn in dem Laden angesprochen habe, weil er “dringend ein Konferenz-Zentrum bauen musste” und teleportierte einfach vor meiner Nase weg. Na ja, @markusbreuer hat mich immerhin bereits im SL-Chat abgewürgt. Meine grossen Second Life Idole.

Unterstützt durch @tafkap s Missionierungsversuche 2.0 startete ich im März 2007 meinen ersten Blog-Versuch, der praktisch schon während des Versuchs wieder einschlief. Dann kam das Barcamp Hamburg 2 im Juni 2007. Kaum zu glauben, das mein Wiedereinstieg in die Tiefen des Netzes erst vor 17 Monaten war (möglicherweise handelt es sich um eine Elefantenschwangerschaft). Durch @tafkap bestens auf dem Web2.0-laufenden gehalten, hatte ich mir im Vorfeld des Barcamps ein paar Blogs durchgelesen und dachte, daß dauert eine Ewigkeit sich in dieser neuen Szene zu vernetzen. Doch bereits auf der Welcome-Party des Barcamps streckte ich am Tresen meine Hand einem mir unbekannten Mann entgegen – Moin, ich bin Tina – Ja, hallo, ich bin der Robert. Mensch, dachte ich, das geht ja einfach. Am ersten Tag kannte ich dann eigentlich nur @ognibeni aus der alten NE Zeit. Schade eigentlich, daß so wenige von damals in der heutigen Szene aktiv sind. Das Barcamp-Konzept hat mich vom ersten Moment an fasziniert. Vieles andere auch. Und manches nervt mich ohne Ende. Doch dazu mehr in Folge 2 – sonst wird dieser Blogpost zu lang…

Ach. Eines kann ich schon mal festhalten. Ich mache immer noch klassische IT-Projekte, denn irgendwie geht es doch immer noch und immer wieder um Prozess-Optimierung und Kommunikation zwischen Menschen, egal wie man das Web gerade so nennt.

StartUp.Filme

Wer es damals nicht selbst miterlebt hat, oder wer es erlebt hat und nochmal in Spielfilmlänge durchleben möchte, dem kann ich zwei Spielfilme über die NewEconomy ans Herz legen.

Der erste ist startupdotcom und ist ein Dokumentarfilm (also echte Story, echte Gründer, echte Tränen) über ein StartUp aus Washington im Bereich eGoverment. Das Tragische: während der Dreharbeiten ging die Company pleite. Der Film lief in Deutschland Ende 2001 und die Kinos waren ausverkauft. Drin gesessen hat die gesamte deutsche New Economy. Gegen Ende des Films war das Schweigen im Saal fast unerträglich und genauso schweigend hat man das Kino verlassen. Zumindest in Hamburg. Ein sehr guter Film.

Der zweite Film heisst August, aus dem Jahr 2008. August ist ein Spielfilm über ein fiktives Startup, zeigt aber ebenso wie startupdotcom alle Facetten eines Gründerlebens (nur der Hauptdarsteller sieht deutlich besser aus ;). Insbesondere die Dialoge der Schluss-Szene mit dem Investor kann ich vom Authentizitätgrad voll bestätigen. So war’s. Bei mir und bei vielen, vielen anderen.

Für Gründer deshalb: Kuckbefehl! :)

Next08 – I’m streaming, come chat

Auf der Next08 haben Kosmar und ich einen Vortrag über Live-Broadcasting ins Web gehalten, dabei ein paar Dienste und Plattformen vorgestellt und live geqikt (Qualität leider nicht sooo doll, das liegt aber an meinem Handy, welches durch die Zuschauerreihen ging…. wer mir also ein N95 sponsorn will, gerne!!!)

Hier sind die Folien zum Vortrag:

Glotzt du noch oder mogulierst du schon?

Seit nun fast einem Jahr ist es möglich seinen eigenen Fernsehssender im Internet zu betreiben. Dazu bieten verschiedene Live-Broadcasting Anbieter webbasierte Plattformen an, die für den eigenen Sendebetrieb lediglich einen Rechner, eine Webcam (oder andere über firewire angeschlossene externe Videokamera) sowie eine stabile DSL-Leitung voraussetzen. Das Wohnzimmer wird zum Fernsehstudio und endlich wird fernsehen auch interakiv. Ein Versprechen, welches die traditionellen Fernsehsender seit mehr als einem Jahrzehnt nicht einlösen.

Bei Mogulus oder ustream.tv wird jeder zum Moderator, Entertainer, Regisseur und Tontechniker. Und zwar gleichzeitig. Wer die erste 60-minütige Livesendung hinter sich hat, bekommt eine Ahnung davon, wie anspruchsvoll, nervenaufreibend und anstrengend ein richtiger Fernsehjob wohl sein mag.

Nicht zu vergessen, bieten die LiveTV-Broadcaster auch einen Rückkanal für die Zuschauer im Vergleich zum traditionellen Fernsehen. Und der ist ebenfalls live und besteht meistens aus einem integrierten Chatroom. Manchmal braucht es dann ein bißchen Übung sich daran zu erinnern, das man mit seinen Zuschauern nicht chatten muss – sondern mit ihnen reden kann und auch sollte; schließlich will niemand einem anderen beim chatten zusehen.

Genau darin liegt eine Herausforderung beim interakiven liveTV im Web: den Vorteil des Rückkanals vom Zuschauer nutzen, das heisst: gleichzeitig reden und den Chat im Auge behalten. Wer nur die Chatbeträge vorliest wird schnell langweilig, wer redet und redet und den Chat nicht beachtet wird feststellen, das die Zuschauer anfangen ihre eigene Unterhaltung zu führen. Dennoch sollte man beachten: Nicht jeder Zuschauer chattet aktiv mit. Einige hören und sehen nur zu, einige sind längst auf einem anderen Tab des Browers unterwegs und lassen sich nur noch durch den Ton berieseln. Spätestens nach der zweiten Sendung denkt man darüber nach, sich für die nächste Sendung ein kleines Storyboard anzulegen. Und seien es nur Stichpunkte über Themen von denen man schon immer mal reden wollte.

Neben dem experimentellen Blabla-Fernsehen und Egotainment eignen sich diese neuen liveTV broadcasting Plattformen meiner Meinung nach am Besten für Spezial-Themen; sprich long-tail Fernsehformate. Wenn zum Beispiel Martin Gommel über digitale Fotografie spricht und man Fragen dazu stellen kann, Kosmar über seine reichhaltigen Musikkenntnisse referiert, mspro Themen aus seinem Studium vorstellt, Prof. Hartmut Wöhlbier seine Vorlesung aus der Uni streamt oder auch die Live-Übertragungen von Veranstaltungen wie Barcamps. Hannover. Pl0gbarTV. Mitteldeutschland.

Je nach Professionalitäts-und/oder Peinlichkeitsgrad kann man selbst entscheiden, ob der grade gesendete Beitrag aufgezeichnet wird oder nicht.

Den meisten Spass jedoch macht es, Sendungen im Team zu produzieren. Über die Regie im Studiobereich kann man verschiedene Produzenten in den eigenen Fernsehkanal einladen und nach Belieben von einem zum anderen schalten. Allerdings sollte man dann (noch) vorsichtiger sein mit dem was man sagt, denn der Mit-Produzent kann jederzeit den Aufnahmeknopf drücken – je nach dem welche Rechte man ihm eingeräumt hat.

Auch sollte man (insbesondere) beim gemeinsamen Produzieren nicht vergessen sich aus dem Studio auszuloggen, sonst kann es passieren, dass die lieben Mitproduzenten und Zuschauer einem beim Schlafen zusehen.

weitere Informationen

hier: mediaocean, hier: Blogpiloten, hier: pottblog und google hat noch mehr….

und bald auch ein podcastbeitrag auf Fritz.de