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Danke, Opa – Alltagssexismus im Job und die Konsequenzen

01.25.13 | 17 Comments

Aktuell geht ein Aufschrei durch Twitter.

Worum geht es dabei? Es geht um das Benennen und Bewußtmachen von Alltagssexismus. All die kleinen und grossen Übergriffe, denen eine Frau alltäglich in Bus, Bahn, Job, Kneipe, Sport, etc. ausgesetzt ist. Dumme Sprüche, Grabschereien, Herabsetzungen.

Ich bin nun selbst keine ausgewiesene Feministin und keine knallharte Quotenverfechterin und doch habe ich persönlich, überwiegend im beruflichen Umfeld, jede Menge Alltagssexismus und auch fiese Fälle von sexueller Belästigung erlebt. Wie bin ich damit umgegangen? Nun, die meisten Situationen sind lange her. Die Anzahl der Vorfälle hat mit dem Lebensalter abgenommen. Die meisten Begebenheiten, die ich im folgenden erwähne, sind 20 Jahren her. Seitdem hat sich einiges im beruflichen Umgang zwischen Männern und Frauen verändert, im positiven Sinne.

Was ich damals im beruflichen Umfeld immer schwierig fand: Eine glasklare Reaktion meinerseits hätte berufliche Konsequenzen haben können. Der Alltagssexismus und auch härtere Einzelsituationen – und ich kann jetzt nur aus meinem persönlichen Erfahrungsschatz berichten – kamen in der Regel von höher gestellten Managern, also quasi Vorgesetzten, Menschen, die mehr Einfluss hatten als ich zu dem Zeitpunkt.

Angefangen von “Du könntest auch öfter mal einen Rock tragen” bis hin zu dem Finanzvorstand (ca. 60 Jahre alt) eines großen deutschen Traditionsunternehmens der mir in einem Meeting (Ich war als CEO meines Unternehmens bei dem Meeting) seine Visitenkarte über den Tisch warf mit den Worten “Hier, Mädchen, für Deine Visitenkartensammlung” – mit allen anderen (männlichen) Meetingteilnehmern tauschte er kommentarlos seine Visitenkarte aus – ich habe die ganze Bandbreite von Alltagssexismus, Diskriminierung und Belästigung erlebt.

Obwohl ich niemand bin, der auf den Mund gefallen ist, war ich in den meisten Situationen erstmal perplex. Hätte ich zu dem Finanzvorstand “Danke, Opa” sagen sollen? Nein, natürlich nicht. Oder doch? Was habe ich gesagt: Nix. Ich hab relativ dümmlich gegrinst und mich geärgert.

Das Paradox: Wenn ich in jeder Situation etwas gesagt hätte, hätte ich den Stempel einer Zicke bekommen mit dem Resultat, dass es deutlich anstrengender wird, Karriere zu machen. Theorie? Nein, habe ich so erlebt. Ohne einen Mentor, dem diese Situationen genauso auffallen wie Dir, ist es schwierig.

Die mögliche Konsequenz: Wenn Du Alltagssexismus nicht abstellen kannst, fängst Du an, ihn für deine Zwecke zu instrumentalisieren. Das ist falsch, funktioniert aber leider.

Als harmlose Reaktion auf den CFO: “Wo sie gerade Mädchen sagen, wenn ihre Enkelin mal Unterstützung braucht, wenn sie sich selbstständig machen will, kann sie mich gerne anrufen” oder als krassere Konsequenz im sexistisch beliebten Messe-Umfeld:

Als ich 2000 dringend Programmierer suchte, habe ich auf einer Recruiting Messe Hostessen mit Hot Pants und hohen weißen Lackstiefeln über die Messe geschickt. Die damalige Frauenbeauftragte der Stadt Hamburg regte sich darüber furchtbar auf und meine Antwort war: Gäbe es mehr weibliche Programmiererinnen hätte ich auch Männer in Hotpants rumgeschickt. Da hat sie sich natürlich noch mehr aufgeregt. Zu Recht. Völlig zu Recht.
(Anmerkung: In meiner Firma lag der Frauenanteil bei 50%, mir war und ist das Geschlecht im Beruf absolut wumpe)

Ich will damit nur verdeutlichen, das der Alltagssexismus im Beruf dazu führen kann, dass Frauen ihn als Reaktion für ihre Zwecke instrumentalieren. Das ist ein Spirale, die durchbrochen werden muss, wenn wir echte Gleichberechtigung wollen.

Und das ist schwierig. Statistisch gesehen finden sich viele Paare im Büro. Zwischen gleichrangigen Kollegen aber auch hierarchie-übergreifend. Das “First-Flirt” Verhalten ist dann oft eine Abwägung zwischen: “Ist der Typ jetzt wirklich an mir interessiert und einfach nur zu plump” und “War das jetzt sexistisch und wie reagiere ich darauf?” – was noch schwieriger ist, wenn sich auch die Frau für diesen Mann interessiert. Gleiches gilt natürlich umgekehrt sowie für gleichgeschlechtliche Beziehungen.

Fortschritte im Umgang miteinander können wir nur machen, indem wir uns mit kommunikativem Respekt begegnen. Das gilt für alle Lebensbereiche, alle Geschlechter, und ist im stetigen Wandel von Gesellschaftswerten eine permanente Lebensaufgabe, die mit dem Bewusstwerden anfängt und mit dem täglichen Verhalten und der täglichen Wortwahl aufhört.

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