Aktuell geht ein Aufschrei durch Twitter.
Worum geht es dabei? Es geht um das Benennen und Bewußtmachen von Alltagssexismus. All die kleinen und grossen Übergriffe, denen eine Frau alltäglich in Bus, Bahn, Job, Kneipe, Sport, etc. ausgesetzt ist. Dumme Sprüche, Grabschereien, Herabsetzungen.
Ich bin nun selbst keine ausgewiesene Feministin und keine knallharte Quotenverfechterin und doch habe ich persönlich, überwiegend im beruflichen Umfeld, jede Menge Alltagssexismus und auch fiese Fälle von sexueller Belästigung erlebt. Wie bin ich damit umgegangen? Nun, die meisten Situationen sind lange her. Die Anzahl der Vorfälle hat mit dem Lebensalter abgenommen. Die meisten Begebenheiten, die ich im folgenden erwähne, sind 20 Jahren her. Seitdem hat sich einiges im beruflichen Umgang zwischen Männern und Frauen verändert, im positiven Sinne.
Was ich damals im beruflichen Umfeld immer schwierig fand: Eine glasklare Reaktion meinerseits hätte berufliche Konsequenzen haben können. Der Alltagssexismus und auch härtere Einzelsituationen – und ich kann jetzt nur aus meinem persönlichen Erfahrungsschatz berichten – kamen in der Regel von höher gestellten Managern, also quasi Vorgesetzten, Menschen, die mehr Einfluss hatten als ich zu dem Zeitpunkt.
Angefangen von “Du könntest auch öfter mal einen Rock tragen” bis hin zu dem Finanzvorstand (ca. 60 Jahre alt) eines großen deutschen Traditionsunternehmens der mir in einem Meeting (Ich war als CEO meines Unternehmens bei dem Meeting) seine Visitenkarte über den Tisch warf mit den Worten “Hier, Mädchen, für Deine Visitenkartensammlung” – mit allen anderen (männlichen) Meetingteilnehmern tauschte er kommentarlos seine Visitenkarte aus – ich habe die ganze Bandbreite von Alltagssexismus, Diskriminierung und Belästigung erlebt.
Obwohl ich niemand bin, der auf den Mund gefallen ist, war ich in den meisten Situationen erstmal perplex. Hätte ich zu dem Finanzvorstand “Danke, Opa” sagen sollen? Nein, natürlich nicht. Oder doch? Was habe ich gesagt: Nix. Ich hab relativ dümmlich gegrinst und mich geärgert.
Das Paradox: Wenn ich in jeder Situation etwas gesagt hätte, hätte ich den Stempel einer Zicke bekommen mit dem Resultat, dass es deutlich anstrengender wird, Karriere zu machen. Theorie? Nein, habe ich so erlebt. Ohne einen Mentor, dem diese Situationen genauso auffallen wie Dir, ist es schwierig.
Die mögliche Konsequenz: Wenn Du Alltagssexismus nicht abstellen kannst, fängst Du an, ihn für deine Zwecke zu instrumentalisieren. Das ist falsch, funktioniert aber leider.
Als harmlose Reaktion auf den CFO: “Wo sie gerade Mädchen sagen, wenn ihre Enkelin mal Unterstützung braucht, wenn sie sich selbstständig machen will, kann sie mich gerne anrufen” oder als krassere Konsequenz im sexistisch beliebten Messe-Umfeld:
Als ich 2000 dringend Programmierer suchte, habe ich auf einer Recruiting Messe Hostessen mit Hot Pants und hohen weißen Lackstiefeln über die Messe geschickt. Die damalige Frauenbeauftragte der Stadt Hamburg regte sich darüber furchtbar auf und meine Antwort war: Gäbe es mehr weibliche Programmiererinnen hätte ich auch Männer in Hotpants rumgeschickt. Da hat sie sich natürlich noch mehr aufgeregt. Zu Recht. Völlig zu Recht.
(Anmerkung: In meiner Firma lag der Frauenanteil bei 50%, mir war und ist das Geschlecht im Beruf absolut wumpe)
Ich will damit nur verdeutlichen, das der Alltagssexismus im Beruf dazu führen kann, dass Frauen ihn als Reaktion für ihre Zwecke instrumentalieren. Das ist ein Spirale, die durchbrochen werden muss, wenn wir echte Gleichberechtigung wollen.
Und das ist schwierig. Statistisch gesehen finden sich viele Paare im Büro. Zwischen gleichrangigen Kollegen aber auch hierarchie-übergreifend. Das “First-Flirt” Verhalten ist dann oft eine Abwägung zwischen: “Ist der Typ jetzt wirklich an mir interessiert und einfach nur zu plump” und “War das jetzt sexistisch und wie reagiere ich darauf?” – was noch schwieriger ist, wenn sich auch die Frau für diesen Mann interessiert. Gleiches gilt natürlich umgekehrt sowie für gleichgeschlechtliche Beziehungen.
Fortschritte im Umgang miteinander können wir nur machen, indem wir uns mit kommunikativem Respekt begegnen. Das gilt für alle Lebensbereiche, alle Geschlechter, und ist im stetigen Wandel von Gesellschaftswerten eine permanente Lebensaufgabe, die mit dem Bewusstwerden anfängt und mit dem täglichen Verhalten und der täglichen Wortwahl aufhört.
Als Besucher von IT-Messen bin ich doch sehr genervt davon, dass mir junge, attraktive Frauen entgegen geschickt werden, die keine Ahnung haben. Bzw auf der Pressekonferenz dann junge Frauen der PR-Agentur mit etwas Ahnung, keiner Berechtigung irgendwelche Aussagen zu treffen, aber einem zwanghaft breiten Lächeln.
Es ist ein selbsterhaltendes System: Weil Frauen als in- oder halb-kompetentes Schmuckwerk gelten, werden sie als solches engagiert und der Außenstehende wird andauernd mit dieser Rolle konfrontiert.
Zum Thema Messen: Auf der CeBit vor ein paar Jahren, saß ich kurz auf einem Stuhl, um Notizen zu machen. Ich sah auf und starrte direkt auf ein paar wohlgeformte Busen. Ich glaube die Firma Sandisk war es, die eine Gruppe Hostessen ohne Kleidung mit “Bodypainting” quer durch die Messe schickte. Es waren auch ein paar Jungs dabei. Das war für mich so ein #Aufschrei-Moment.
@Torsten
Ja, mir geht es um das Durchbrechen dieses Systems. Solche Jobs sollte es per se nicht mehr geben und Frauen sollten sie nicht machen.
Mich macht allerdings stutzig, ob dich attraktive Frauen MIT sehr viel Ahnung wohl auch nerven würden… :)
Als jemand, der in den 70er/80er Jahren sozialisiert wurde, habe ich die Bücher von Deborah Tannen und die des Ehepaares Please inhaliert; sie stehen im Büro, sind wie vieles andere an Fachliteratur für meine Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter jederzeit greifbar. Meinen jungen Mitarbeiterinnen drücke ich aber immer zuerst “Zickenlatein” von Dagamr Gaßdorf in die Hand. Das erklärt einerseits die Spielregeln, nach denen Männer im Management spielen und gibt eine Reihe von anwendbaren Tipps, die Unverschämtheiten der Männer elegant (bis brutal) zu kontern bzw. judoartig zu unterlaufen.
Szenenwechsel: Die Finanzdienstleistung, für die ich überwiegend tätig bin, ist eine Männerdomäne. Bei einer der größten Messen, der DKM in Dortmund, dringt der Veranstalter mittlerweile darauf, die Hostessen nicht als Frischfleisch durch die Gänge laufen zu lassen. Das finde ich sehr gut und ermutigend.
Ich geb dir absolut recht. Es kann nicht sein, dass ein Mann der Meinung ist, mit Frauen zu machen, was er will.
Mir ist es als Mann aber auch schon bei zwei Firmen passiert, von Vorgesetzten ziemlich derbe belästigt zu werden. Wie reagieren, ohne als schwulenfeindlich da zu stehen und den Job zu riskieren? Der Eine hat sich nach mehrmaligem Nein dann doch zurückgehalten, der Andere hat stets weiter gemacht. Einer der Gründe, wieso ich die Firma gewechselt habe.
Um es mit einem Satz zu sagen: Egal ob von Mann oder Frau ausgehend und auf Mann oder Frau abzielend, Sexismus ist immer scheiße.
Picki: Leute mit richtig Ahnung dürfen auch attraktiv sein. Sie dürfen groß oder klein sein, grün oder orange: Ich will wissen, wie dieses neue Ding funktioniert und das bitte mit wenig Marketing-Blah. Sie sollten meine Sprache sprechen und bitte Kleidung tragen.
@chaosblog korrekt.
@torsten gutgut. Hätte auch nix anderes erwartet. :)
Was ich so gut finde: Endlich werden die Täter ans Licht gezerrt. Früher hätte man in dem Artikel nur gelesen, dass es ein “bekannter FDP”-Politiker gemacht haben soll. Die Frau hätte Beweise vorbringen müssen (und ihre eigene Aussage hätte dabei als Beweis natürlich nicht getaugt). Endlich traut sich eine – und die ganze Nation redet über den Täter. Das ermutigt auch andere Frauen, Ross und Reiter zu nennen:
http://deraufschrei.wordpress.com/2013/01/27/endlich-werden-die-tater-genannt/