Es ist wieder soweit. Das Medienforum NRW ist gestartet und das Genöle geht wieder los. Ach was, die Events sind austauschbar. Das Medienforum NRW steht gerade nur stellvertretend für Kongresse auf denen Online auf Offline trifft. Gähn. Same procedure as every year. Ich frage mich nur, wer ist eigentlich Miss Sophie und wer ist der Butler? Diskussionen wie die zwischen Monika Piel und Richard Gutjahr kommen mir so vor, als wären sie ein Echo der vergangenen 10 Jahre. Inhaltlich ist kein Fortschritt zu erkennen. Thomas Knüwer schreibt gleich das ganze digitale Deutschland ab. Nichts besonderes, das macht er ja regelmäßig.
Würde man eine Agentur beauftragen, einen Slogan für die digitale Kombo zu entwickeln käme wohl
“Wir können nix, außer aufregen”
dabei heraus. Dazu dann gleich für die StartUp-Szene:
“Wir dürfen nix, außer kopieren”.
Schlimm ist, daß sich die digitale Kombo in ihrer Meckerei so gefällt, das sie anscheinend verlernt hat, selbst zu gestalten. Sie diskutiert und demonstriert sich die Seele aus dem Leib aber die Gestaltung von Neuem bleibt aus. Liegt das nur daran, dass unsere Gründergeneration von Investoren beigebracht bekommt, dass ein amerikanisches Copy Cat viel mehr Erfolgsaussichten hat als die eigene ungetestete Idee? Liegt es daran, dass den Bloggern eigentlich selbst die Businessmodelle fehlen, wie Journalismus 2.0 wirklich ausgestaltet sein kann? Liegt es daran, dass uns Programmierer fehlen? An was liegt es?
An was liegt es, dass der digitalen Kombo nur eine Handvoll Namen einfallen, die als Autoren für wired.de in Frage kommen. Wo sind die digitalen Gegengewichte zu Sascha Lobo, die es braucht um echte Diskurse zu führen – jenseits von Social Marketing PR Agentur Pöbeleien. Wo sind die Menschen, welche die Unmengen von Manifesten, Analysen und Visionen die Blogs von @mspro, @christophkappes, etc… oder die ganzen SM-WTF-AGs, XY-Barcamps regelmäßig ausspeien, in Geschäftsmodelle umsetzen oder es wenigstens mal probieren?
Vielleicht sind wir gar kein Volk der Macher mehr. Vielleicht wird
“Made in Germany” zu “Intended in Germany”.
Wir sind ein Volk der Berater geworden, die zwar super Vorschläge machen, wie es denn alles viel besser aussehen könnte im digitalen Deutschland, aber nicht die Verantwortung übernehmen wollen, es selbst umzusetzen. Wenn innovative Konzepte scheitern, sagen die Berater: “Ja, das Unternehmen hat es nicht so umgesetzt wie ich es vorgeschlagen habe” und die Unternehmen sagen: “Wir sind falsch beraten worden”. Und sowieso scheitert es natürlich immer gerne an den gesetzlichen, politischen und sonstigen Rahmenbedingungen. Was dabei herauskommt sind: Nullmacher.
Und Nullmacher dürfen sich nicht aufregen, wenn nichts voran geht.
Insofern ist das Medienforum NRW wohl eher ein langer, ruhiger Fluss für alle Beteiligten.
Nachtrag:
Der Internetgott scheint Sascha Lobo’s und mein Hirn quantenverschränkt zu haben und so tuten wir heute ins selbe Horn. Aber Sascha schreibt es natürlich viel toller.
“Wir sind ein Volk der Berater geworden, die zwar super Vorschläge machen …” Manchmal nicht einmal das. Gutjahr hat auf dem vielbesprochenen Null-Panel exakt null Vorschläge, oder gar irgendetwas substanzielles hervorgebracht. Nicht einmal die Kritik war das.
“Alles muss viel besser werden. Auch die Kritik daran, dass es das noch nicht ist.” http://twitter.com/#!/mathiasrichel/status/83183773495214080
ab einer gewissen komplexität eines systems wird die verlustleistung größer als der mehrwert
Ich stimme mit dem Kern deiner Kritik ja überein, wie du weißt. Und auch Richel hat recht, wenn er Gutjahr fehlende Eleganz im bzw. das völlige Fehlen von Vortragen alternativer Wege, Methoden oder Formen vorwirft. Das Nennen von existierenden Beispielen (ja auch von originären deutschsprachigen) hätte ja schon gereicht.
Aber, liebe Picki, wie üblich ignorierst du fröhlich die Frage nach Machtverhältnissen. Die seit Jahren ignoranten Machtstrukturen lernen nichts, im Gegenteil – die Abwehr gegen den digitalen Wandel wird diffiziler, methodischer und subtiler.
Deswegen ist es wichtig zu motzen, um die abstrusen reaktionären Tendenzen auf dem MedienforumNRW zu kontextualisieren. Desweiteren zeigt das essentielle Motzen auch, dass die Geduld abläuft.
“Wir” sind ja prinzipiell bereit, Dinge langsam und mit begleitendem Diskurs zu ändern. Wenn allerdings trotz allem “Talk” Klagen gg ÖRapps eingereicht werden, VDS penetrant unverändert aufs Tablett gehoben und auch ansonsten keine grundlegende tatsächlich(!) feststellbare Bereitschaft zum Wandel gezeigt wird, nun, dann ist Motzen immerhin noch eine der friedlicheren Duldungsmethoden, nicht wahr? #daf
Was will man auch von einer Szene oder Branche erwarten, wenn sich jeder Facebook-User mit mehr als 500 “Freunden” Social Media-Berater und jeder Blogger mit einem halbwegs recherchierten Artikel zur Vorratsdatenspeicherung Journalist nennt? Bevor sich das Selbstbild nicht geändert hat und jeder als “Professional” darstellt – selbst wenn er das Praktikum noch nicht überschritten hat – kann die Onliner keiner ernst nehmen.
Alles okay, aber der Turn zur Kollektivpsychologie ist völlig deplatziert. “Wir sind ein Volk der…” – genau da fängt die analytische Unschärfe an, nur noch Nebelbilder zu produzieren. “Wir” sind gar kein Volk, “wir” sind kulturell so dividiert wie noch nie, und die Kulturkonfliktlinie zwischen den digitalen Euphorikern und den professionellen Bedenkenträgern ist nur eine davon.
Um auf den konkreten Fall zurück zu kommen: Ich würde mir wünschen, dass man weniger müssen muss, und andere Hilfsverben in den Fokus rücken: Können, wollen, dürfen.
http://alrightokee.de/medien/hilfsverben/
@jensbest
Ich halte Dein Motzen in vielen Fällen (nicht in allen wie du weisst)für richtig und wichtig. Es muss Motzer geben. Auf jeden Fall.
Aber. Man darf nicht die Verhinderung von Neuem auf die Machtverhältnisse schieben. Das ist mir zu viel “friedliche Duldungsmethode” wie Du es nennst.
Wenn andere den Schritt zum Wandel nach jahrelangen Diskursen nicht gehen wollen oder können, dann setzt man sie auf eine Parkbank, lässt ihnen eine Flasche Mineralwasser (still) zum Überleben da und geht selbst weiter. In “Macht” steckt schließlich auch “Mach!” #daf
@tobiastauch
Ich halte nichts davon Menschen anhand des Grades ihrer Ausbildung die Relevanz oder Güte ihrer Ideen abzusprechen.
Ich halte mehr davon, etwas umzusetzen. Gerne auch mit Fehlern.
Ich halte aber nichts davon, das dann 99% der digitalen Kombo sich an diesen Fehlern ergötzt und in den Finger-zeig-Modus verfällt, statt konstruktiv zu sein. Das hat mich schon immer aufgeregt.
@friedemann
ja, das mit dem Volk bezog sich sehr auf “Made in Germany”
Aber da hast du Recht. Ich habs eh eigentlich nicht so mit dem Völkischen, sondern sehe das so wie Du.
Können, wollen, dürfen sind wichtige Verben in dem Kontext, das mal was vorangehen muss. Aber es sind Verben, die auf Langfristigkeit ausgerichtet sind. Können = Bildung. Wollen = Perspektive und Persönlichkeit. Dürfen = Rahmenbedingung und Persönlichkeit.
Das ist alles extrem wichtig.
Tatsache ist aber, es gibt heute, jetzt, aktuell schon genug Menschen, die können und dürfen. Aber nicht wollen. Warum nicht?
Nein, wir sind kein einig Volk, bei weitem nicht.
Die vielen, die vom ZU VIELEN und ZU SCHNELLEN digitalen Wandel der letzten 15 Jahre angenervt sind, sind noch immer deutlich in der Mehrheit gegenüber jenen, denen alles nicht schnell genug geht.
Auch kotzt vielleicht die scheinbare “Alternativlosigkeit” diverser Technikfolgen (Postprivacy/Datenschutz, Urheberrecht, extreme Komplexität etc.) viele bisherige und potenzielle Macher/innen einfach zu sehr an, um sich unter diesen Umständen konstruktiv “was Neues” einfallen zu lassen und mit einer risikoreichen Umsetzung zu belasten.
Und dann gibts da noch einen viel beunruhigerenden Aspekt, der insbesondere bei der Suche nach Geschäftsmodellen immer deutlich wird: Mittels der Kommunikationsstrukturen, die das Netz bietet, erübrigt sich tendenziell auf etlichen Feldern die Notwendigkeit, “Geschäfte zu machen”, bzw. Leistungen gegen Geld anzubieten und zu erwerben (was als Thema diese Kommentarspalte allerdings übersteigt…).
@picki
Die bewussten Damen und Herren sitzen aber nicht auf der Parkbank, sondern an den Schalthebeln der Macht. So, und jetzt du…..
@jensbest
Wenn es so wäre wie du sagst, woher kommt dann Fortschritt und Innovation von neuen Playern? siehe: Google, Facebook, Twitter
So, und jetzt du….
PS: Und überhaupt, seit wann bist du so Bestandsmacht gläubig? Es lohnt sich doch irgendwann nicht mehr, sich am Status quo abzuarbeiten.
Leider, oder auch zum Glück, bin ich nicht mehr so richtig im Thema. Dennoch schön zu lesen, dass ihr hier so schreibt. ;)
Deine Stimmungsbeschreibung gefällt mir sehr gut. Die “neue Welt” hat sich etwas Aufmerksamkeit in der “alten Welt” erkämpft, und jetzt müßte ein Schritt vorwärts getan werden, der eine Richtung erkennen ließe. Aber außer Texte verfassen passiert im Moment nicht viel. Andererseits ist man kein anderer Mensch wenn man ein paar Profile online hat. Vielleicht kommt ein Teil der Frustration auch daher, daß uns die “neue Welt” mit einem Mal gar nicht mehr so neu und anders erscheint und ein klein wenig von unserer Utopie abblättert?
“Wir sind ein Volk der Berater geworden…”
Bin ja auch einer. Ein Teil meiner Motivation war, daß die Ratschläge der Experten vom Management so oder so zur Kenntnis genommen und anschließend ignoriert werden. “Schließlich werden wir hier fürs Entscheiden bezahlt, und nicht fürs Nachplappern!” Als Berater hab ich den vorteil, daß ich dann die aus meiner Sicht falsche Entscheidung dann nicht auch noch umsetzen muß. Der Schritt sich Risikokapital zu besorgen und mal einen Ballon steigen zu lassen ist dann – zumindest in Deutschland – schon noch mal eine andere Nummer. Drum tuns nicht so viele.