Auf Twitter häufen sich seit Beginn der Unruhen in Ägypten die Beschwerden über einen mangelhafte (live) TV-Berichterstattung aus dem Krisengebiet. Während sich am Wochenende die Situation in Kairo und Alexandria zuspitzte, schien es so, dass lediglich Al Jazeera eine breitere und vor allem Live-Berichterstattung liefert. Natürlich ist man als Net-Citizen nicht auf das KabelTV angewiesen, sondern schaut eh CNN oder eben Al Jazeera im Netz. Klar. Aber auf wieviele Menschen in Deutschland trifft das zu? Immer noch auf Wenige, denke ich.
Auch stellt sich natürlich die Frage, wieviel weltweite Krisenberichtserstattung braucht es im öffentlich-rechtlichen Fernsehen? Ich weiss es nicht.
Doch nicht nur die deutschen Sender scheinen am Wochenende versagt zu haben, auf Twitter sind ähnliche Tweets aus USA zu lesen.

Das Gefühl über eine “nachlässige” Nachrichenlage scheinen also nicht nur wir hier in Deutschland zu haben.
Woran liegt das?
Sind die TV-Sender von den Ereignissen wirklich so überrascht worden, das die Reporter erstmal warmlaufen mussten? Wohl kaum.
Mir scheint es eher so zu sein, dass man sich ohne eine Aussage der eigenen Regierung lieber zurückhält, schließlich ist hinreichend bekannt, dass der Westen grosses Interesse an einer stabilen Situation in Ägypten hat. Vielleicht wollte man auch erstmal abwarten, wie sich die Lage entwickelt, bevor Sendepläne geändert werden.
Aber, um die Frage von oben nochmal aufzugreifen: Wieviel Live-TV Berichterstattung brauchen wir von weltweiten Krisenherden? Nun ja, wenn Ägypten so fundamental wichtig ist für unser eigene politische Lage, dann kann die Antwort nur sein: Sehr viel. Verbunden mit sehr viel Er- und Aufklärung.
Da ich mich am Wochenende echt geärgert habe, im deutschen TV so wenig über die aktuellen Entwicklungen zu erfahren, habe ich am Montag der ARD eine Mail geschrieben.
Hier Auszüge aus der Antwort der Programmdirektion:
Wir bedauern Ihre Kritik an der Programmgestaltung im Ersten.
Das Erste hat am Freitagabend nach der “Tagesschau” einen Brennpunkt “Aufruhr in Ägypten” gesendet.
Im weiteren Verlauf berichteten die Informationsformate des Ersten kontinuierlich über die Situation in dem nordafrikanischen Staat. Mehrere Kommentare in den “Tagesthemen” befassten sich damit, und auch der “Weltspiegel” gestern sowie das “Europamagazin” am Samstag berichteten in Programmschwerpunkten über die Lage in Ägypten.
Damit sind wir unserem Programmauftrag ausreichend nachkommen und die Zuschauer hatten die Möglichkeit, sich zur besten Sendezeit über die wichtigsten Vorgänge zu informieren. Das Erste wird auch in Zukunft versuchen, seinen öffentlich-rechtlichen Programmauftrag so gut wie möglich zu erfüllen.
Nun gut. Die ARD und ich haben offensichtlich ein unterschiedliches Verständnis von ausreichender Berichterstattung.
Seit dem Wochenende hat sich aus meiner Sicht die Berichterstattung jedoch deutlich verbessert. Obwohl es mir schon unverständlich war, wieso im ZDF die Mubarak Rede gestern einfach unterbrochen wurde. Vielleicht wurde das ja begründet, ich weiß es nicht, ich hatte den Ton über Al Jazeera laufen.
Nachtrag 22.18 Uhr:
Anscheinend ist die Situation für TV-Journalisten heute wirklich gefährlich. Das ist für mich ein legitimer Grund eine Live-Berichterstattung zu reduzieren.

Schade, es ist in Ägypten zu dem gekommen, was wohl unvermeidlich war. Jetzt wird um die Macht gekämpft. Brandbomben fliegen, Schüsse fallen, Menschen werden gejagt. In Kairo findet eine regelrechte Schlacht zwischen Regimegegnern und Mubarak-Getreuen statt. Am Abend forderte die Armee im Staatsfernsehen den Abzug der Demonstranten vom Tharir-Platz. Mir tun die ganzen armen Menschen einfach leid. Warum, musste es nur dazu kommen.
@rhein-main
Ja, unbenommen der Berichterstattung ist die Situation selbst natürlich unerträglich.
“Das Erste wird auch in Zukunft versuchen, seinen öffentlich-rechtlichen Programmauftrag so gut wie möglich zu erfüllen.” Das erinnert mich vom Duktus her verdammt an eine Formulierung, mit der man im Arbeitszeugnis ein Totalversagen bescheinigt. Sprache ist verräterisch.
@markus
na ja, das ist halt Marketingsprech. Damit muss man bei einer eMail Antwort auf eine kritische Frage natürlich rechnen. Natürlich ist der Satz unglücklich formuliert und erinnert an “stets bemüht” ;)
Die Antwort der ARD ist purer Hohn, sie strotzt vor Arroganz und Selbstgefälligkeit.
Es ist Zeit 2011 klare Konsequenzen hin zu einer mehr aufklärischen, engagierten Informationslage (nicht nur bei Ägypten) zu ziehen.
Es ist nicht unbedingt das Personal, es gibt viele gute Journalisten in der ÖR, es ist mehr die Struktur, das System, dass eine großherzögliche Einstellung zu Nachrichtenübermittlung an die Bevölkerung hat.
Mich hat das auch sehr gestört (TV hab ich noch nicht mal), selbst im Netz waren die deutschen Medien eher zurückhaltend (nett ausgedrückt). Headlines wie, “Revolution stört Tourismus”(nicht Bild!) lassen einen schon nachdenklich werden:
Ist es mit der Berichterstattung vielleicht ähnlich wie in der Politik: Zeit gewinnen, Zeit gewinnen, nur nicht sofort reagieren, lieber (ab)warten.
Wie im deinem Beitrag erwähnt, Ägypten spielt für den Westen eine strategisch wichtige Rolle. Welche Rolle die Menschen und deren Anliegen spielen, dass wäre ein extra (das für mich interessantere) Thema, wir kennen das von 1989…
Politisch gesehen, mag dieses Warte – Das “Nicht-Festlegen-Verhalten” noch verständlich sein (es geht um Macht) – aber journalistisch? Worum ging es da noch mal?
Zeigen sich da nicht die wahren journalistischen Verhältnisse?
Die Frage ist allerdings auch, ob genug Material für eine kontinuierliche Liveberichterstattung nach den Maßstäben des hiesigen öffentlich-rechtlichen Fernsehens verfügbar wäre. Es ist ja derzeit alles andere als trivial, Bild, Ton und brauchbaren Inhalt aus Ägypten in die Redaktionen zu bekommen.
@alexander
Ich finde die politische Wartehaltung fast noch schlimmer als die journalistische.
@martin
für die aktuelle Situation seit Dienstagabend trifft das sicher zu. Nicht aber für die Lage bis Montag. Da war alles soweit friedlich.