Wikileaks hat der Welt durch das Internet einen kostenlosen Einblick in die Informationswelt von Regierungsdiplomatie gegeben. Wie durch ein kleines Schlüsselloch blicken wir in den Ausschnitt eines Raumes in einem Haus, welches wir als “Staat” bezeichnen. Wir sehen den Stuhl, das durchwühlte Bett, die vertrocknete Pflanze auf der Fensterbank. Wir sehen die Informationen dieses Raumes und beginnen diese zu interpretieren, um Wissen zu erlangen.
Um zu erfahren, das es keine eindeutige Definition von “Wissen” gibt, muss man lediglich die Wikipedia bemühen, aus der ich mal zwei Sätze herausgreifen möchte:
“Entsprechend der Definition, das “Wissen als vernetzte Information verstanden wird, werden aus Informationen Wissensinhalte, wenn sie in einem Kontext stehen, der eine angemessene Informationsnutzung möglich macht.”
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“Wissen und Wissenschaft können daher auch nicht mehr in einem aufklärerischen Sinn als Freiheitsgarantien verstanden werden, da die Etablierung von Wissenssystemen immer mit Funktionen der Herrschaft und Effekten der Unterwerfung verbunden ist“.
Mit Wikileaks haben wir einen Zugang zu Informationen bekommen, welche uns zuvor nicht transparent zur Verfügung gestanden haben. Die allermeisten von uns können diese Informationen jedoch nicht verwenden um “Wissen” zu erlangen, da wir nicht in dem Kontext stehen (siehe Raum-Haus Vergleich oben), der eine angemessene Informationsnutzung möglich macht.
Nun könnte man sagen, als Bürger eines demokratischen Staates mit einer frei gewählten Regierung, sind es eben wir, die den Staat konstituieren und demnach auch genau in diesem Kontext der Informationsnutzung stehen sollten.
Zu einer angemessenen Informationsnutzung gehört aber z.B. auch implizites Wissen, das sich aus Erfahrung, Intuition und täglichem Handeln innerhalb von diplomatischen Staatsbeziehungen bildet. Innerhalb meiner kleinen Welt kenne ich im Falle der Depeschen niemanden, der über dieses implizite Wissen verfügt. Ich selbst auch nicht, also kann ich aus den Depeschen auch kein Wissen generieren. Es ist und bleibt eine Information.
Das Fatale an Informationen ist jedoch, das sie niemals interpretationslos bleiben. Unser Gehirn bewertet sie, ob wir wollen oder nicht. Doch das Resultat dieser Interpretionen führt nur in wenigen Ausnahmen zu “Wissen” (angesichts der Milliarden an Informationen die wir ständig verarbeiten).
Regierungen anderer Länder sowie Einzelpersonen und Instiutionen, die im alltäglichen Leben im Kontext von Diplomatie handeln, denken natürlich, das sie genau in dem Kontext der Informationsnutzung stehen, der durch die Wikileaks-Depeschen offengelegt wird. Und natürlich verfügen sie über sehr viel mehr explizite und implizite Informationen als ein normaler Bürger. Ihre Interpretationen der Informationen ist daher eine völlig andere.
Doch auch das spielt meiner Meinung nach alles keine Rolle. Es ist für die Generierung von Wissen (falls es das überhaupt gibt) völlig egal, wieviele Informationen den Menschen über das Internet zur Verfügung stehen, um global akzeptierte Handlungen herbeizuführen. Wir werden uns, allein schon aus kulturellen Gründen, niemals in einem global identischen Interpretationsrahmen befinden.
Dennoch erachte ich es für viel wichtiger, eine Transparenz des Handels der Akteure zu erlangen. Im Fall Wikileaks ist es für mich wichtiger, von den Handlungen eines Amazon, PayPal, Twitters, usw. zu erfahren. Denn nicht Wissen ist Macht, sondern Handeln, möchte man meinen.
Doch genau an diesem Punkt fängt die Denkschleife an. Julian Assange hat nach der Erlangung der Informationen durch den Akt des Publizierens gehandelt. Diese Handlung ist jedoch nicht in allen Aspekten transparent, denn dazu fehlen Informationen. Hätten wir diese Informationen, würden wir sie millionenfach unterschiedlich interpretieren und schließlich sehr viele unterschiedliche Handlungen resultieren lassen.
Wenn ich über die Motivationen von Assange zu Wikileaks lese, glaube ich zu verstehen, dass ihm all dies bewußt ist. Auch er hat keine Antwort darauf, wie sich eine Gesellschaft entwickelt, in der alle Informationen frei sind. Niemand hat diese Antwort.
Es ist das grosse Experiment die bisher grösste Herausforderung unserer heutigen vernetzten Gesellschaft, ob wir es schaffen, auf der Grundlage von für jeden zugänglichen Informationen, genau die Handlungen herbeizuführen, welche dann in einem gemeinsamen ethischen Interpretationskontext akzeptiert werden.
Wikileaks bietet uns dafür ein Labor und dafür liebe ich es.
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Nachtrag: Auf Hinweis von mspro, mrtopf und markus_breuer habe ich Experiment in “Herausforderung” geändert. Ein Experiment suggeriert einen zeitlichen Rahmen. Dieser ist nicht gegeben. Man wird das Labor Wikileaks nicht mehr schließen können.
Schön gebloggt, Picki. Ich glaube auch, dass das was durch Wikileaks derzeit passiert, unvermeidlich ist. Und es wird die Gesellschaft verändern, garantiert nicht nur die Politik. Das ist, wie aber bei jeder grossen technologischen Neuerung, unvermeidlich. Experiment kann man das allerdings kaum nennen. Denn anders als bei einem Experiment kann man die Uhr nicht zurück drehen. Da müssen wir durch.
Da ich nahezu zeitgleich das selbe Thema beackert habe …
http://notizen.steingrau.de/2010/12/05/cablegate-ist-erst-der-anfang-der-wikileaks-kultur-nicht-das-ende/
Ich stimme Dir und Markus Breuer zu. Und habe einige eigene Gedanken dazu aufgeschrieben: http://alrightokee.de/meinung/wikileaks-und-die-starken-manner/
Auf der Ebene des grossen Experiments stimme ich dir zu.
Aber aufgrund der nun vorliegenden Informationen können Fragen definiert werden, die us zu mehr wissen bringen können.
Warum durfte das Parlament bei der Auslieferung der Kriegshelicopter übergangen werden? Wer hat wie durch sein Schweigen profitiert? Wer schuldet jetzt wem einen “Gefallen” bzw. welcher “Gefallen” wurde da eingelöst?
Warum hat die FDP-Mitarbeiter Inofrmationen weitergegeben? Geld? Erpressung? Versprechungen?
Welche Ineffizenz wird deutlich (und wer profitiert von dieser), wenn 50 Millionen deutsche Euronen bei eine US-Behörde vier-fünf monate rumliegen, anstatt in die klar definierten(und notleidenden) Projekte überwiesen zu werden? Welche Dreistigkeit lässt mal eben 15% Verwaltungsgebühr erklären? Wird dadurch nicht deutlich, dass es nicht um den aufbau Afghanistans geht, sondern um die Sicherstellung der Ausbeutung der Rohstoffe, wenn eine solche fundamentale Funktion wie das Überweisen von staatlichen Hilfsgeldern verschlampt wird?
Wie gesagt, dass sind jetzt mal so die Fragen fürs Kleine, die fürs Große schreibe ich hier nicht hin, sonst holen sie mich bestimmt gleich ab.
@jens
Mehr Informationen werfen mehr Fragen auf. Ist das jetzt gut oder schlecht? Wer stellt diese Fragen aus welchem Interesse?
Das Informationen als taktisches Mittel eingesetzt werden, nennt man Propaganda. Kannst Du demjenigen vertrauen, der Dir Antwort auf Deine Fragen gibt?
Schön geschrieben. Nun ist das Ganze nichts neues,
Hinterher sind wir schlauer,
das gab es schon immer.
Wirklich großes Handeln sehe ich bislang aber noch nach keiner der großen Leaks. Das war z.B. bei der Kaupthing-Bank Sache etwas anders.
Sind die Leaks zu groß?
Colleteral Murder ging rum – Änderung, kaum da.
Die Afghanistan-warlogs waren noch mal größer (und erstmals mit Medienembago verbunden, was ich kritisch sehe, mehr dazu: http://griess.wordpress.com/2010/11/29/wikileaks-konnte-die-pressefreiheit-gefahrden/). Was ist passiert?
Irak: Nochmal größer – und noch weniger Reaktion
Nun die Massenhaften Dokumente “cablegate”. Keiner Blickt mehr durch, selbst in den Redaktionen sagt fast jeder, man müsse sich auf etwas konzentrieren. Dazu die weit verbreitete Mär, alles sei schon on – was ja nicht der Fall ist.
Was mich wundert – worauf ich noch keine antwort habe, ist das gerade jetzt die große “Wer ist Assange” und zeitgleich die große “Wikileaks offline-Krieg(en)” Dinge los gehen…
@Picki
Ich vertraue meiner Art Fragen zu stellen. Ja.
Ich gebe mich auch nicht mit den Antworten zufrieden (auch wenn es ab und an so aussieht :)
Kann natürlich nie ausschliessen, dass mich jemand erfolgreich manipuliert. Aber ich vertraue jeden Tag mehr meiner Fähigkeit, weniger verarscht zu werden.
Oh, und gemeinsames Fragenstellen ist eine weitere gute Methode, sich der größtmöglich richtigen Realitätswahrnehmung zu nähern. wikileaks, als neues Element der freien Presse, hilft uns gemeinsam Fragen stellen zu können.
Im wissenschaftlichen Sinne gibt es natürlich immer das “ignorabimus”, die ab und an unerträgliche Erkenntnis, dass jede Antwort neue Fragen aufwirft und es nie (im menschlicher Dimension) enden wird. Aber wir reden ja hier eher über Macht und die Möglichkeit hinter die Kulissen zu schauen. http://ow.ly/3hNxp
Die einen bringen den Überbringen der Schlechten Nachricht um, die anderen setzen sich mit ihr auseinander. Leider hab ich bis jetzt noch keine “Interpretation” finden können die es lohnt zu lesen; vll. wird es ja was mit der Sonderausgabe unseres ehemaligen Nachrichtenmagazins… So long and thanks for all the fish
“Transparenz” ist immer leicht gefordert.
Natürlich muss auch WL eine gewisse Transparenz aufweisen, um glaubwürdig und einschätzbar zu sein.
Im Gegensatz zu Regierungen ist WL aber mit keinerlei Gewaltmonopolen, hoheitlichen Rechten und auch nicht mit annähernd vergleichbaren Ressourcen und Machtmitteln ausgestattet. Transparenz erwarte ich daher in erster Linie von denen, denen die Macht zur Kontrolle über andere gegeben ist, und das ist nicht vorrangig WL.
Darüber hinaus kann man keine totale Transparenz von einer Organisation erwarten, die als Gegner Regierungen, Geheimdienste und potenziell diktatorische Regimes, Banken und Mafia hat. Das wäre reiner Selbstmord, und damit wäre niemandem gedient.
@Picki Ich denke nicht, das “mehr Information” immer “mehr Fragen aufwerfen”. Tatsächlich ist es sicherlich nicht leicht, eine immer größer werdende Menge von Informationen auf eine Art auszuwerten bzw, sie aufzunehmen, so dass daraus “Wissen” für mich wird. Dazu ist Kontext nötig. Da hast Du vollkommen recht. Und Kontext allein reicht nicht einmal.
Das ist kein neues Phänomen. Auch schon vor dem Zeitalter des Internet war die Menge der öffentlich verfügbaren Informationen weitaus größer, als ein einzelner Mensch aufnehmen und sinnvoll verarbeiten kann. Die “Lösung”, die man für dieses Problem gefunden hat, war die selbe, die auch heute noch die einzig praktikable ist: wir verwenden “Kuratoren”. Wir lassen Menschen (oder Algorithmen), denen wir vertrauen, eine Auswahl und Zusammenfassung machen. So sind Enzyklopädien entstanden und Zeitungen und so entstehen sie immer noch.
Diese Kuratoren können uns natürlich beeinflussen. Das tun sie auch. Und das wollen wir auch. Tatsächlich neigen wir ja dazu, diejenigen auszuwählen, deren Weltanschauung der unseren ähnelt. Es gibt Menschen, die lesen TAZ. Andere lesen die FAZ. Wenige lesen beides.
Aber auch diese Kuratoren benötigen Input. Informationen, die sie nicht haben, können sie nicht bewerten und uns vermitteln. Das ist mit einer der wichtigsten Gründe, dass Dokumente, vor allem Dokumente im politischen und wirtschaftlichen Umfeld, als “vertraulich” deklariert werden. Dafür werden zwar viele altruistische Gründe genannt. Fakt aber ist, dass die Personen, die diese Geheimhaltung betreiben, auch davon profitieren, dass die wahren Hintergründe für ihr Handeln nicht aufgedeckt werden, weil sie dann Gründe vortragen können, die sich besser verkaufen lassen. Aus diesem Grund gibt es in jedem autokratischen Staatssystem die Zensur. Die informationelle Bevormundung des Volkes ist wichtig für den Machterhalt.
Das passt zu einer autokratischen Gesellschaftsstruktur (ist tatsächlich essentiell zu deren Erhalt) aber nicht zu einer offenen, demokratischen. Ja, es gibt demokratische Staatswesen (bspw. Israel) mit institutioneller Zensur. Sie passt aber nicht wirklich zum Wesen einer Demokratie und kann zu leicht missbraucht werden.
Deshalb ist es eine der vornehmsten Aufgaben des Journalismus, diese Informationen aufzudecken und in die Berichterstattung aufzunehmen. Typischerweise finden viele Leser (und auch Meinungsbildner, wo sie nicht selbst betroffen sind) diese Art von investigeativem Journalismus gut. Tatsächlich sind journalistische Arbeiten, bei denen gegen die Widerstände der Herrschenden “vertrauliche” Fakten ans Licht geholt werden, immer wieder die Abräumer bei der Vergabe der großen journalistischen Preise. Wenn es nach dem Willen des US-Senators Liebermann geht, wird solches Arbeiten in Zukunft in den USA strafbar sein!
Was Wikileaks tut (und bald viele ähnliche Plattformen tun werden), ist es, Informationen zugänglich zu machen, die andere – oft aus egoistischen, vor-demokratischen Interessen heraus – nicht veröffentlicht sehen wollen. Wir selbst können diese Informationen eventuell ohne den entsprechenden Kontext nicht angemessen auswerten. Aber andere können das. Es ist ihr Job. Und manche machen den – meines Erachtens – gut. Sie können das aber nur tun, wenn sie die Informationen haben. Und dazu müssen – wieder meines Erachtens, gewissen vertrauliche Informationen öffentlich werden.
Haha…zwei Dumme, ein Gedanke :)
@csommer tjaha – hallo Clon ;)
@Markus
jetzt dachte ich, ich müsste ganz lang und breit auf Deinen Kommentar eingehen – muss ich aber gar nicht! Ich bin nämlich weitestgehend Deiner Meinung. :)
Sorry my German is not good enough so I will post in English.
Releasing information that can not be verified may lead just to more confusion and chaos which is what I believe Assange is all about…He is interested in politcal Anarchy.