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Gesellschaftslabor Wikileaks

12.05.10 | 20 Comments

Wikileaks hat der Welt durch das Internet einen kostenlosen Einblick in die Informationswelt von Regierungsdiplomatie gegeben. Wie durch ein kleines Schlüsselloch blicken wir in den Ausschnitt eines Raumes in einem Haus, welches wir als “Staat” bezeichnen. Wir sehen den Stuhl, das durchwühlte Bett, die vertrocknete Pflanze auf der Fensterbank. Wir sehen die Informationen dieses Raumes und beginnen diese zu interpretieren, um Wissen zu erlangen.

Um zu erfahren, das es keine eindeutige Definition von “Wissen” gibt, muss man lediglich die Wikipedia bemühen, aus der ich mal zwei Sätze herausgreifen möchte:

“Entsprechend der Definition, das “Wissen als vernetzte Information verstanden wird, werden aus Informationen Wissensinhalte, wenn sie in einem Kontext stehen, der eine angemessene Informationsnutzung möglich macht.”
…..
“Wissen und Wissenschaft können daher auch nicht mehr in einem aufklärerischen Sinn als Freiheitsgarantien verstanden werden, da die Etablierung von Wissenssystemen immer mit Funktionen der Herrschaft und Effekten der Unterwerfung verbunden ist“.

Mit Wikileaks haben wir einen Zugang zu Informationen bekommen, welche uns zuvor nicht transparent zur Verfügung gestanden haben. Die allermeisten von uns können diese Informationen jedoch nicht verwenden um “Wissen” zu erlangen, da wir nicht in dem Kontext stehen (siehe Raum-Haus Vergleich oben), der eine angemessene Informationsnutzung möglich macht.

Nun könnte man sagen, als Bürger eines demokratischen Staates mit einer frei gewählten Regierung, sind es eben wir, die den Staat konstituieren und demnach auch genau in diesem Kontext der Informationsnutzung stehen sollten.

Zu einer angemessenen Informationsnutzung gehört aber z.B. auch implizites Wissen, das sich aus Erfahrung, Intuition und täglichem Handeln innerhalb von diplomatischen Staatsbeziehungen bildet. Innerhalb meiner kleinen Welt kenne ich im Falle der Depeschen niemanden, der über dieses implizite Wissen verfügt. Ich selbst auch nicht, also kann ich aus den Depeschen auch kein Wissen generieren. Es ist und bleibt eine Information.

Das Fatale an Informationen ist jedoch, das sie niemals interpretationslos bleiben. Unser Gehirn bewertet sie, ob wir wollen oder nicht. Doch das Resultat dieser Interpretionen führt nur in wenigen Ausnahmen zu “Wissen” (angesichts der Milliarden an Informationen die wir ständig verarbeiten).

Regierungen anderer Länder sowie Einzelpersonen und Instiutionen, die im alltäglichen Leben im Kontext von Diplomatie handeln, denken natürlich, das sie genau in dem Kontext der Informationsnutzung stehen, der durch die Wikileaks-Depeschen offengelegt wird. Und natürlich verfügen sie über sehr viel mehr explizite und implizite Informationen als ein normaler Bürger. Ihre Interpretationen der Informationen ist daher eine völlig andere.

Doch auch das spielt meiner Meinung nach alles keine Rolle. Es ist für die Generierung von Wissen (falls es das überhaupt gibt) völlig egal, wieviele Informationen den Menschen über das Internet zur Verfügung stehen, um global akzeptierte Handlungen herbeizuführen. Wir werden uns, allein schon aus kulturellen Gründen, niemals in einem global identischen Interpretationsrahmen befinden.

Dennoch erachte ich es für viel wichtiger, eine Transparenz des Handels der Akteure zu erlangen. Im Fall Wikileaks ist es für mich wichtiger, von den Handlungen eines Amazon, PayPal, Twitters, usw. zu erfahren. Denn nicht Wissen ist Macht, sondern Handeln, möchte man meinen.

Doch genau an diesem Punkt fängt die Denkschleife an. Julian Assange hat nach der Erlangung der Informationen durch den Akt des Publizierens gehandelt. Diese Handlung ist jedoch nicht in allen Aspekten transparent, denn dazu fehlen Informationen. Hätten wir diese Informationen, würden wir sie millionenfach unterschiedlich interpretieren und schließlich sehr viele unterschiedliche Handlungen resultieren lassen.

Wenn ich über die Motivationen von Assange zu Wikileaks lese, glaube ich zu verstehen, dass ihm all dies bewußt ist. Auch er hat keine Antwort darauf, wie sich eine Gesellschaft entwickelt, in der alle Informationen frei sind. Niemand hat diese Antwort.

Es ist das grosse Experiment die bisher grösste Herausforderung unserer heutigen vernetzten Gesellschaft, ob wir es schaffen, auf der Grundlage von für jeden zugänglichen Informationen, genau die Handlungen herbeizuführen, welche dann in einem gemeinsamen ethischen Interpretationskontext akzeptiert werden.

Wikileaks bietet uns dafür ein Labor und dafür liebe ich es.

——————————
Nachtrag: Auf Hinweis von mspro, mrtopf und markus_breuer habe ich Experiment in “Herausforderung” geändert. Ein Experiment suggeriert einen zeitlichen Rahmen. Dieser ist nicht gegeben. Man wird das Labor Wikileaks nicht mehr schließen können.

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