Auf der Next10 Conference haben sich am 11. und 12. Mai in Berlin ca. 1200 Menschen getroffen.
Organisatorisch war die Next10 perfekt umgesetzt. Die Location war gut. Die Akustik hat gestimmt. Das Catering war klasse. Ich persönlich habe mich rundrum wohl gefühlt und hatte eine Menge sehr guter, inspirierender Gespräche.
Von den 1200 Menschen, die sich dort trafen, haben ca. 100 (Zahl ist geschätzt) unter dem Konferenztitel “Game Changer” Vorträge gehalten. Was dabei zutage gekommen ist, sind einige bemerkenswerte Inhalte aber leider auch ein bemerkenswert hoher Anteil von Respektlosigkeit gegenüber dem Veranstalter SinnerSchrader, denn, hätte der Konferenztitel “die Zukunft umfallender Reissäcke” gelautet – die Vorträge wären exakt die gleichen gewesen. Ich finde das beschämend. Was für ein Armutszeugnis.
Wie wenig Auseinandersetzung findet eigentlich im Kopf eines “Speakers” statt? Gott sei Dank erzeugt diese unreflektierte Arroganz insbesondere dann, wenn eine positive Steilvorlage wie “Game Changer” so armselig in 08/15 Standard-Sales-Sprech umgesetzt wird, praktisch unmittelbar das gegenteilige Resultat: “Nein. Du changed gar nichts” hätte ich gerne so manchem Speaker entgegengerufen. Soweit zu meinem Unmut. Mein Vorwurf richtet sich dabei nicht an SinnerSchrader oder das Next Conference Format. Ich glaube, dass es kein Konferenzformat gibt, welches dieses Dilemma auflösen könnte.
Vielleicht waren viele Speaker mit dem Label “Game Changer” auch einfach überfordert? Denn in Wirklichkeit sind nicht die Unternehmen die Game Changer sondern die User. Die selbstbestimmten User, die quasi in Minuten Shitstorms entfachen können, die eine für Unternehmen nicht mehr zu überhörende Meinungsmacht bekommen haben, die heute noch viel mehr als früher über den Erfolg oder Mißerfolg eines Webdienstes entscheiden.
Die User sind die wahren Game Changer und insofern waren 1200 Menschen Game Changer bei der Next10 und sie haben es nicht einmal gemerkt.
Und weil ich auch total selbstbestimmt bin, komme ich bestimmt nächstes Jahr wieder!
Aber ist es letztendlich nicht doch der Veranstalter, der die Speaker auswählt? Mit dieser Auswahl steht und fällt doch die Konferenz. Da hilft es wenig, wenn ansonsten die Organisation toll ist.
@bosch Ich würde nicht behaupten, dass die Speaker nicht richtig ausgewählt wurden. Sie haben sich nur einfach sehr wenig Mühe gegeben, was aber nicht bedeutet, sie hätten es nicht gekonnt.
Akkustik hat gestimmt? Vielleicht in Saal 1 – in Saal 2 war der Sound unter aller Sau, dazu wurde man im Zuschauerraum frontal von diversen Scheinwerfern geblendet, damit man auch ja nichts sieht. Überhaupt hatte ich den Eindruck, dass die Vortragtechnik ein wenig überfordert war: immer wieder die falschen Mikros aufgedreht, Rückkopplungen, fehlende Präsentation auf dem Beamer, etc. etc.
Dafür war das Catering prima :)
Die Geschichte mit dem Sack Reis passt. Allerdings wird sich das bei teuren Konferenzen nicht ändern. Diese Leben davon, Sprecher aus großen und bekannten Firmen zu holen. Bekannte und etablierte Firmen sind aber keine Game Changer. Dafür sind sie zu gut im Geschäft und scheuen das Risiko, etwas zu ändern. Warum auch?
Eine Alternative wäre nur ein Track mit eben den sehr guten Sprechern, die auch etwas zu sagen haben. Und dann gibt es öffentliche und auch mit dem Talk gestreamte Diskussionsrunden mit allen Teilnehmern, die gerne 30 Minuten und länger dauern dürfen. So wird das Publikum involviert. Es gibt Feedback, Reflektion und Interaktion. Schließlich sollen Ideen verbreitet, Diskussionen angeregt und eine persönliche Auseinandersetzung mit den Themen initiiert werden.
Aber das Catering fand ich eher schlecht. Viele Sachen waren sehr schnell vergriffen, morgens gab es keine Kennzeichnung der Croissants für Vegetarier, die im Inneren versteckt Schinken hatten, und Kitkat wurde als Snacks serviert, was den einen oder anderen hätte stören können.
@Michael Du würdest also sagen: Apple ist kein Game Changer? :)
Ich glaube einfach, die Speaker haben sich zu wenig angestrengt. Diese Attitude beispielsweise, das ein Vortrag für den man ein Sponsoring geleistet hat, ein inhaltlicher Freifahrtschein ist.
Catering ist natürlicherweise immer Geschmackssache :)
Picki, wir haben uns ja lange darüber unterhalten. In einigen Punkten gebe ich Dir – in einem mit Sicherheit nicht: Ich mache den Veranstaltern einen großen Vorwurf, nämlich den überwiegend solche Leute zuzulassen, die die next als Werbeveranstaltung missbrauchen. Damit schaden sie sich selbst am meisten, weil kein Besucher der next auf so plumpe Botschaften anspringt. Nur: Wenn ich Geld für meinen Vortrag zahle, dann erwarte ich auch Ergebnisse. Also muss ich doch wieder für meine Leistungen trommeln. Insofern sehe ich das gegenwärtige Konzept der next als das zentrale Problem. Entweder man findet genug Sponsoren (echte Sponsoren), die keinen Einfluss auf das Programm haben, oder man bittet die Besucher noch stärker zur Kasse. Ich persönlich muss sagen, dass ich mich um die Zeit, die ich auf der next verbracht habe, und das Geld, das mein Arbeitgeber für mich bezahlt hat, betrogen fühle.
Es tut mir sehr leid um die Deutlichkeit der Worte, denn das Orga-Team hat wirklich großartige Arbeit geleistet. Nur ist eben das Konzept nicht zukunftsfähig. Zumindest nicht nach meinem Verständnis.
Some wanna change the game, some do.
Looking forward to PICNIC 2010 in Amsterdam in September.
Betrogen ist vielleicht ein wenig stark gewählt, Sachar, sehe das aber grundsätzlich ähnlich. Mehr noch als diese unmotivierte Selbstbeweihräucherung der referierenden Sponsoren hat mich aber der Mangel an echten Diskussionen gestört. Vielleicht waren die Sprecher falsch gepaart in den Panels, vielleicht hat deren Lethargie auf uns Besucher übergegriffen, keine Ahnung, woran es lag. Aber dass die einzige Kontroverse (die zumindest ich mitbekommen habe) das übliche “Warum versteckt ihr die einzigen weiblichen Speaker in einem eigenen Panel”-Feminismusgeplänkel war, lässt schon tief blicken.
Moinallerseits!
Ich schmeiße mal meine Außensicht in die Runde. Dieses Jahr war ich nicht bei der Next, habe die Entwicklung in Hamburg aber in ’08 und ’09 mitverfolgt. Dieses Jahr habe ich mich bewusst gegen eine Teilnahme entschieden, weil ich im Vorfeld schon das Gefühl hatte, dass die Konferenz sich inhaltlich nicht weiterentwickelt hat. Das war für mich am Lineup der “Top-Speaker” wie Stowe Boyd, Brian Solis und Ben Hammersley erkennbar, die alle schon vergangenes Jahr da waren. Warum sollte ich mir die recht vorhersehbaren Thesen der Herren nocheinmal für viel Geld anhören?
Aber das ist nur meine persönliche Sicht. Warum jetzt viele Next-Gänger der vergangenen Jahre (ja, du Picki, Sachar auch Markus Mayr, Thomas Knüwer, Uwe Knaus und andere) enttäuscht nach Hause kehren, könnte noch einen ganz anderen Grund haben. Ihr seid seit mehreren Jahren in dieser Themen/Speaker/Trend-Blase mitgeschwommen und habt die Inhalte verinnerlicht. Kein Wunder, dass dann dieses Jahr kaum neue Erkenntnisse dabei herauskamen! Vielleicht ist es eben etwas zu viel verlangt, dass in einem zugegeben sehr schnellen Umfeld wie dem Web-Business auch jedes Jahr irgend etwas grundlegen Neues er- oder gefunden wird.
Deshalb mal eine Gegenthese: Die Next10 war gar nicht für euch (und mich) gemacht! Sie hat ein Stadium erreicht, in der sie nicht länger die deutsche Web-Business-Avantgarde bedient (bedienen will?), sondern diejenigen, die erst heute realisieren, dass sich zwischen Social und Mobile Web, zwischen iPad und Android etwas tut, von dem sie mehr verstehen wollen, weil es für ihr Geschäft wichtig wird – wird!, nicht schon ist. Und davon gibt’s eine Menge, sonst wären nicht 1200 Leute zusammengekommen.
Das entschuldigt natürlich nicht, wenn Sponsorenvorträge in Salesblabla ausarten und da gebe ich Picki recht, das ist nicht nur dem Veranstalter, sondern vor allem dem Publikum gegenüber respektlos und ein Armutszeugnis.
Es muss aber nicht heißen, dass sich ein Konferenzformat überlebt hat, sondern dass es ein neues Publikum finden muss. Wer weiß, vielleicht hat es das ja heute schon…
@sachar
sicher ist es so, dass die Speaker, die ohne Sponsoring reden dürfen inhaltlich meistens besser aufgestellt sind. Aber muss das immer zwangsläufig so aussehen, das gesponsorte Slots inhaltlich nichts rüberbringen? Das liegt nicht immer an der Auswahl der Speaker, sondern meiner Erfahrung nach darin, das sich die wenigstens Speaker irgendeinen Kopf machen was genau zum Thema passen könnte UND gleichzeitig ihre eigene Agenda unterstützt. Es ist ja nicht so, das das nicht funktionieren könnte..
Ausserdem ist es so, das Teilnehmer nicht nur Geld zahlen für Vorträge, sondern vor allem für das Networking vor Ort.
@Carolin
ich muss zugeben, das Frauenpanel hat mich auch etwas irritiert ;)
@tapio
Ja, da muss ich Dir vollkommen zustimmen. Wir sind bestimmt nicht die Zielgruppe. Trotzdem bin ich nicht enttäuscht nach Hause gefahren, denn natürlich ist es klasse, gute internationale Speaker zu hören. (die ich auch weitestgehend von meiner Kritik ausnehmen möchte)
Ich glaube auch, das es wichtig ist, das *wir* auf diese Konferenzen gehen, denn allein die Speaker werden die Teilnehmer nicht vom Sinn und Zweck unserer Themen überzeugen..oder?
Um Tapios Formulierung aufzugreifen: Ich bin nicht schon “seit mehreren Jahren in dieser Themen/Speaker/Trend-Blase mitgeschwommen”, weil ich eher zu der Kategorie gehöre, die noch relativ neu in “eurer” Welt ist. Vielleicht hätte ich also durchaus noch etwas lernen können bei dieser Next, aber was sind denn Inhalte, wenn sie so lustlos vorgetragen werden? Es lässt schon tief blicken, dass mein Highlight der vollkommen inhaltsleere Tanzworkshop war ;)
Nichts für ungut, aber ich möchte Tapios These deutlich widersprechen. Die Welt verändert sich – täglich. Jeden Tag werden geniale Ideen und Erkenntnisse geboren. Wenn wir jetzt – nach den paar Jahren Social Media – glauben, alles zu wissen, sind wir arrogant und Social Media nicht mal ein Hype.
@Tapio: Wenn ich nicht zu der Zielgruppe gehören würde, dann hätte der Veranstalter etwas falsch gemacht. Dann hätte er nämlich andere Leute einladen sollen. Insgesamt fand ich das Thema richtig, nur die Umsetzung war leider irreführend.
Ich stimme zu, dass in in Wirklichkeit die User, die Konsumenten die “Game Changer” sind. Sie sind es doch, die das Spielfeld auf den Kopf stellen, plötzlich Sender statt Empfänger, Produzenten statt Rezipienten sind. Das kam mir aber bei allen Vorträgen etwas zu kurz.
Was ich vor allem schade fand, war die Kürze der vielen Vorträge: Mal 10, mal 15 Minuten. Da wäre weniger mehr gewesen. Und dann fand auch leider keine Podiumsdiskussion statt. Das war im letzten Jahr besser. Vielleicht lag es aber auch daran, dass niemand Fragen hatte oder niemand eine Gegenposition einnehmen wollte oder konnte. Sind wir etwa alle schon einer Meinung?
Schöne sachliche Diskussion. Gute Anregungen für das nächste Jahr dabei! Danke @pickiHH.
@Picki Apple ist der Game Changer schlechthin. Allerdings ist Apple als Firma auch absolut untypisch. Welche (IT-)Firma der Fortune500 würde auf der Startseite ihrer Homepage einen Nachruf auf ihnen persönlich wichtige verstorbene Persönlichkeiten der Zeitgeschichte für einen ganzen Tag stellen
Nokia hingegen war ein Game Changer, als sie klein waren und den Mobilmarkt mitgestaltet und aufgebaut haben. Jetzt sind sie etabliert, strotzen vor Managementebenen, die das Risiko scheuen und dem Gesetz der kleinen Schritte folgen.
Was die gesponserten Talks an geht: vielleicht können sie es nicht besser. Deswegen mussten sie ja auch Geld bezahlen, damit sie einen Vortrag halten durften.
@Michael
Du vergisst, das Apple auch ein paar Jahre im Aufmerksamkeitskeller gesessen hat. Ich würde Nokia nicht per se abschreiben…
@markus
Wir haben nicht alle eine Meinung. Wir sagen sie nur meistens nicht und verkneifen uns sperrige Positionen. Leider. Derjenige, den wir angreifen, könnte ja jemand sein, mit dem wir morgen Business machen könnten. So scheint das zu sein im Social Media. Deshalb wird es wohl auch mit SM abgekürzt. ;)
Die next10 war wohl mehr ein Kampf um den Gratis-Spargel als eine wegweisende Konferenz.
Also wenn mehr als 1.000 Menschen recht viel Geld dafür zahlen, um eine Veranstaltung zu besuchen, die mal als Eigen-PR einer Internet-Agentur gestartet ist, ist das meines Erachtens ein echter Game Changer. Vor 10 Jahren wäre es einem Unternehmen mit rund 250 Mitarbeitern noch gar nicht möglich gewesen, so etwas quasi nebenbei zu organisieren. Die next10 beweist damit ihr Motto selbst.
Eine interessante Frage ist aber, mit welcher Erwartung die Besucher dorthin gehen? Was ist der Ertrag für den Besucher? Warum investieren sie? Und warum gelingt es ihnen nicht, diese Ziele zu erreichen, ohne dorthin zu gehen, wenn sie doch game changer sind bzw. sein wollen?
Meine etwas provokante These: Die, die wissen, wie sie ihr business machen sitzen auf dem Podium, die die es nicht wissen, davor.