Microblogging: Sidestream oder Zufallsprinzip?

Obwohl ich seit einiger Zeit an einer Web2.0-Depression leide, bin ich immer noch ein leidenschaftlicher Twitterer. Allerdings teile ich nicht die Euphorie und Hypegesänge bezüglich der Aussage, dass Twitter beizeiten zum Mainstream wird oder “the next big thing” für Unternehmenskommunikation oder Marketing. Und das aus folgenden Gründen:

1. Userzahlen

Bezogen auf Deutschland (je nach Statistik 20-70.000 Twitterer) ist dies wohl eine zu vernachlässigende Nutzerzahl. Natürlich wächst sie derzeit rasant, aber: bis die kritische Masse für einen Mainstream erreicht wird ist (meine Prognose) das Thema Twitter wieder “durch”. Es wurden ja bereits etliche Vergleiche zu Second Life gezogen, und natürlich ist allein die technische Barriere bei SL deutlich höher, aber zum Twitterer wird auch nur, wer regelmäßig twittert – und das ist die Barriere von Twitter: den Schwachsinn erkennen, filtern und dranbleiben. Darüber haben schon so manche die Geduld verloren und sind wieder ausgestiegen aus der Timeline.

2. Mainstreams

Daran anschließend stellt sich für mich die Frage, ob es im WebX.0 überhaupt noch Mainstreams geben wird. Die Innovationszyklen werden immer schneller, so dass für eine einzelne Technologie/Tool wie das Microbloggen eigentlich kaum Zeit bleibt, sich “zu setzen” und zu entwickeln. Beispiel: der derzeitige Umschwung von Blogs auf Microblogs. Meine These: es wird zukünftig eher “Sidestreams” geben – ein Amazonasdelta des Internets mit vielen Seitenarmen eines Flusses. Einer dieser Sidestreams ist Microblogging, einer anderer Blogs, ein weiterer Videostreaming, etc.. Keiner dieser Sidestreams wird es allein als Mainstream schaffen, aber sie befüllen den gleichen Hauptstrom des Netzes.

3. die Krux der Microkommunikation für Unternehmen

So. Ich glaube mittlerweile, dass Twitter zum jetzigen Zeitpunkt für Unternehmen wenig Mehrwert bringen wird. Warum? Ja, ein Unternehmen oder eine Marke kann News über sich in die Timeline geben. Aber wie geht ein Unternehmen derzeit vor? Es sucht sich die Mavens auf Twitter, also diejenigen, die viele Follower haben und damit vermeintlich für virale Effekte sorgen. Das hat aktuell zwei Nachteile: diejenigen, die viele Follower haben, haben meistens auch um die 1000 denen sie selbst folgen. Da ein Unternehmen/oder eine Marke in der Regel nicht stündlich twittert (und das bitte auch nicht tun sollte) ist es ein reiner Glücksfall, von einem Heavy-Twitterer überhaupt gelesen zu werden, geschweige denn von ihm ge-retweetet (sorry für das denglish) zu werden.  Am ehesten tauchen die Unternehmens- und Markentweets in der Timeline eines Twitterers auf, der relativ wenigen folgt. Allerdings ist das entweder Programm, d.h. diese Twitterer folgen aus Prinzip nur wenigen oder es sind Twitterer die wenig twittern, d.h. meistens auch nichts verbreiten und eine geringe Sichtbarkeit haben. Die Chancen für ein Unternehmen oder eine Marke, eine PR-relevante Sichtbarkeit zu erzielen, sind meines Erachtens denkbar gering. Derzeit.

4. die Krux mit der persönlichen Timeline

Und damit komme ich direkt zum vierten Punkt. Ich persönlich folge ca. 1000 Twitteraccounts, größtenteils handelt es sich um deutsche Accounts und ein paar gehören zur internationalen, daher meist amerikanischen, Web Bohemè. Die amerikanischen Tweets sehe ich tagsüber aufgrund der Zeitverschiebung fast gar nicht in meiner Timeline (ausser die der Hardcore-Twitterern). Bei den deutschen Accounts denen ich folge, lese ich gefühlt nur diejenigen, die regelmässig, also mehrmals täglich twittern. Alle anderen unterliegen dem “Zufallsleseprinzip” wie oben beschrieben. Im Grunde ist es also fast egal, ob ich 300 Accounts folge oder 1000 Accounts. Um inhaltliche Informationen zu Themen zu bekommen, die mich interessieren – muss ich eigentlich überhaupt niemanden folgen, dafür muss man nicht mal selbst twittern, es reicht search.twitter.com oder irgendein Analyse-Client. Um mit entsprechenden Twitterern meiner relevanten Themen zu kommunizieren, bin ich entweder auf die Gnade des @replies angewiesen, falls das Interesse nur einseitig ist oder ich muss mich so interessant machen, das mir der Guru ebenfalls folgt. Na ja.

Quintessenz:

Ich glaube, dass sich Twitter in kleine Themenräume aufteilen wird. Man hat einen persönlichen Twitteraccount, mit dem man die 08/15 daily Kaffee, Büroalltags- und Lebenstweets bewerkstelligt und zusätzlich ein oder mehrere Accounts für Fachthemen, in deren Timeline dann weniger #dsds #gntm oder #tatort Tweets auftauchen. Dazu passt übrigens auch der Trend zur Qualität.

Innerhalb dieser sehr spezifischen Gruppen (Long Twail? ;) könnte dann auch ein Unternehmen möglicherweise effektiver PR betreiben oder sogar kommunizieren. Soweit haben die meisten Unternehmen Twitter jedoch noch nicht durchdrungen, denn das macht viel Arbeit, kann schlecht outgesourct werden und erfordert Geduld,  Zeit und p-e-r-s-ö-n-l-i-c-h-e-n Einsatz.

Da Twitter derzeit leider keine Gruppen unterstützt, muss man zur Zeit auf die Methode der Multi-Accounts zurückgreifen. Ob Twitter überhaupt per Hashtag oder ähnlichem einzelne Tweets unterschiedlichen Timelines explizit zuweisen können wird, weiss auch niemand.
Ich bin allerdings überzeugt, dass die one-and-only einzig glücklich machende Timeline längst angezählt ist, denn ich habe eigentlich nicht EIN Twitter-Netzwerk sondern viele kleine.

Vielleicht kommt eh bald der nächste Zug zum aufspringen?

Ich war und bin übrigens ein grosser Anhänger von Second Life und innerhalb des letzten Jahres ist SL kontinuierlich gewachsen. Das werden die Microblogging-Plattformen auch, ob gehypt oder nicht.
Nur die Scheuklappen der geistigen Inzucht sollte man ab und zu mal abnehmen.

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19 Responses to “Microblogging: Sidestream oder Zufallsprinzip?”


  1. 1 benjaminr

    Das hat die Fachfrau sehr gut zusammengefasst!

  2. 2 elcario

    Das kann ich genau so unterschreiben! Danke Picki!

  3. 3 Langhoff

    schön mal eine unaufgeregte Einschätzung zu Twitter jenseits von “Zeitverschwendung” und “die Zukunft der Zeitung” zu lesen.

  4. 4 susi

    Endlich mal eine sachliche Ausführung der derzeitigen “Twittersitutation”. Danke Picki!

  5. 5 Alexander

    Wie, Du liest nicht jeden meiner Tweets?!? #schock

  6. 6 Roman

    Vielen Dank,

    für die die nützlichen Infos.

  7. 7 Visuelle PR

    Den Gedanken “Twitter in Gruppen aufteilen” in Gruppen aufteilen, finde ich ganz interessant. Aber gibt es dann einen echten Vorteil gegenüber Foren à la XING?

    Ein sehr treffender Beitrag!

  8. 8 Henning

    Vieles davon teile ich. Damit meine Timeline nicht ganz so zufällig wird in dem, was ich tatsächlich sehe, selektiere ich immer wieder. Es ist viel schwerer geworden, mich zum followen zu kriegen und einige (Zu-)Viel-Schreiber habe ich auch schon aussortiert.

    Um die Tweets, die für meine Diplomarbeit relevant sein könnten, leichter verfolgen zu können, habe ich mir nun allerdings auch einen extra Account angelegt. Mag sein, dass der Trend wirklich dahin geht, dass wir mehrere Accounts mit unterschiedlichen Ausrichtungen haben.

    Diskussionen in Richtung politische Tweets vom Rest trennen führten bei meinen Followern aber meist eher zu der Rückmeldung “das gehört halt zu dir dazu” – und das kam von Menschen, die eher nicht an Politik interessiert sind.

    Nicht so leicht…

  9. 9 cdv!

    Bin mit meiner Web 2.0-Depri also nicht allein. Das freut schon wieder. Wie auch die sehr gute Einschätzung.

  10. 10 drikkes

    Anmerkung zum Delta-Vergleich: Ein Fluß speist sich aus seiner Quelle, nicht der Mündung.

    Und das ist doch auch der Grund, warum Twitter es im Mainstream schwer haben wird. Mit seinen reduzierten Funktionen muß man beim Microbloggen eben wirklich was zu sagen haben. Nicht umsonst wird über Linkschleudern und Irrelevanzabsonderungen hergezogen. Und das zu leisten ist nun einmal die Mehrheit der Menschheit jedenfalls nicht in der Lage.

    Aber es ist schwer, die unterschiedlichen Nutzungsverhalten unter einen Hut zu bringen. Ich für meinen Teil verfolge sehr selektiv, 1000 Leute in der Timeline wären mir viel zu viel. Und Firmenaccounts liest man dort mit Ausnahme dreier deutscher Musikmagazine auch keine. Trotzdem kann ich Deinen Aussagen größtenteils zustimmen.

    http://www.howtousetwitterformarketingandpr.com/

  11. 11 web2marketing

    Picki – super Artikel!

    Ich habe dazu aber VIELE Anmerkungen! *gg*

    Passen alle nicht hier rein – deswegen auf meinem Friendfeedraum im Detail ausgeführt: http://tr.im/hsxy

  12. 12 oliverg

    Danke für das Link – ich hab ja auch nicht nur 1 Twitteraccount ;)

    Generell: Zustimmung. V.a. was Mainstream angeht. wobei die Nischen ja ggf. schon groß genug sind.

    Wenn ich wegen PI auf Twitter bin,,bin ich als Unternehemn falsch. wenn ich dort aber ZUHÖREN will, bin ich richtig. wenn ich DANN NOCH ein paar gute ‘Connections’ erhasche, an die ich mit einem Presseverteiler nicht drankomme: all the better.
    Man kann nicht immer nur ‘long atil’ sagen, man muss auch verstehen, dass nicht ALLE im Kopf sein klönnen sondern 50-80% eben im ‘tail’ sind.

    Solange ich aber auf PI, Backlinks etc. sprechte: Hm.

    Und: Die ganzen großen Twitterer (Celebristies mal ausgenommen) fahren immer in der Kombi Twitter & Blog (oder & Video oder & Podcast oder ….)

    Warum nur warum *zaunpfahlwink*?

    Uff die schrift hier im Kommentarfeld is SO saulein, dass ich nicht korrekturlesen kann. sorry.]

  13. 13 oliverg

    Ich vergaß:

    Aktuell ist der große Irrtum, dass man Twitter als Page/Plattform vesrteht, es ist aber eher als Protokoll zu sehen. Also sagen wir mal, als eine Art Kommandozeile. Statuts udn Chat und so sind nur EINE Sache, die ich damit amchen kann.

    http://21tweets.com ist eine IDee von Siggi Hirsch und ich helfe etwas. Ideen wie die sind noch massig in der Pipeline. Twitter ist eher sowas wie ‘ein neues Web’ und nicht so sehr ‘nur etwas im Web’.

  14. 14 Sascha

    Hi Tina,

    bei vielen deiner Äußerungen stimme ich dir zu, allerdings nicht bei allen.

    Hab versucht das hier zu erklären http://tinyurl.com/dmfjw5 (wollte das nicht alles in den Kommentar hier packen).

    Schaue mir jetzt mal an was die anderen sagen hinter ihren Links,

    LG
    Sascha

  15. 15 Axel

    ich glaube auch nicht, daß Twitter sich bei den Unternehmen druchsetzen wird, nach 2 Monaten ist das Experiment meisten beendet…

  16. 16 Rainer Kormann

    Hallo Picki,

    danke für den tollen Artikel in sachlichem Ton. Das ist im Zusammenhang mit Twitter selten geworden!

    Qualität und Relevanz waren für mich die wichtigsten Stichworte.
    Auch wenn der Kanal schnell ist, gilt es eine nachhaltige Stratgie zu verfolgen.
    Content auf hohem Niveau wird auch bei Twitter seine treuen Leser finden. Tweets mit Inhalt “…rühre gerade meinen Kaffee um…” waren anfangs noch akzeptabel – begeistern aber auf Dauer keinen.

    Danke dafür und einen schönen Tag noch,
    Rainer.

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