Twittern aus dem Glashaus

Die Twitterer, das sind doch die, die sich gerne zum Kreis der digitalen Bohème zählen, die den Holzmedien gerne vorwerfen, wie sehr sich diese hinterm Berg der modernen Kommunikation befinden, die Twitterer die nahezu jedem, der die Micro- und Macrobloggerei partout nicht verstehen will mangelnde Medienkompetenz vorwerfen. Gilt das für alle Twitterer? Nein, natürlich nicht, aber für genügend. Und zwar für all die, die Medienkompetenz mit der Nutzung und dem technischen Einsatz von Tools verwechseln und nicht sehen, dass Medienkompetenz immer auch mit den Inhalten, die über diese Tools ins Internet kommen, zu tun hat.

Genau diese mangelnde Medienkompetenz konnte man gestern NICHT im “ersten deutschen Twitter-Fall” wie ihn die Medien nahezu unsäglich bezeichnen, sondern im, wenn man überhaupt eine solche Bezeichnung verwenden möchte, “ersten deutschen Twitter-FAIL”.

Angesichts einer solchen Alptraum-Katastrophe, bei der Menschen ihr Leben verlieren und die pure Fassungslosigkeit und Trauer hinterlässt, scheinen manche Twitterer weiter nur das eine Ziel zu verfolgen, welches sie eh jeden Tag haben: Sichtbarkeit und Aufmerksamkeit in der Timeline um jeden Preis. Nein, von einem Bürgerjournalismus sind wir weit entfernt, wir sind mitten im Bürgerboulevard, wo die letzten Hemmschwellen des geschmacklosen Sarkasmus fallen. Ja, niemand kann mit einer solchen Katastrophe vollständig richtig umgehen, weder im Print, noch im TV, noch im Internet. Und das einzige was Twitter gestern gezeigt hat ist, dass es nichts nutzt, schneller Unfähigkeit zu demonstrieren als andere Medien.

Und bei manchen gemacklosen und unbedachten Tweets frage ich mich, ob die Twitterer mal überlegt haben, dass die Angehörigen, Schüler und Lehrer all diese Sprüche ebenfalls lesen können und ob ihre Öffentlichkeits- und Mediengeilheit nicht manchmal nur das Zweitwichtigste ist. Wenigstens für einen Tag.

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19 Responses to “Twittern aus dem Glashaus”


  1. 1 Cara

    Danke, Picki. Vielen herzlichen Dank für dieses Blogpost und Dein klares Signal gestern bei Twitter !

  2. 2 Puppe

    Sie sprechen mir aus der Seele. Vielen Dank. Twitter war gestern zum großen Teil ein Fall fürs Fremdschämen.

  3. 3 German Psycho

    Das ist aber nur dann wahr, wenn Sie an Twitter dieselben Maßstäbe legen wie an Profimagazine. Der Stern beispielsweise hat sich entsprechend verplappert, indem er zwar einerseits „dem Internet” vorgeworfen hat, journalistische Ethik zu mißachten, andererseits aber auch den Unterschied zwischen Journalisten und „dem Pöbel” zieht.

    Was aber ist Twitter? Für Sie mag es ein journalistisches Medium sein. Für den anderen mag es das dreckige Papier an der Klowand des Internets sein. Für mich ist es eine Mischung aus Kneipenbesuch Klosprüchen: Man unterhält sich auf wechselndem Niveau und versucht ansonsten, mal nachdenkliche, mal witzige, mal belanglose Sprüche loszuwerden.

    Die Definition, was Twitter nun sein soll, mag für jeden anders sein.

    Aber gerade die Profis, die spät auf den Twitter-Zug aufgesprungen sind, immer noch irgendwie eine diffuse Angst vor „dem Internet” haben und nun endlich etwas finden, worauf sie rumhacken können, denen sag ich nur: ICH hab Euch nicht gerufen.

    In den meisten Kneipen, Wohnzimmern, Kantinen dürfte der Ton nämlich ähnlich sein. Warum? Weil wir, „der Pöbel” nunmal keine journalistischen Ethikkurs besucht haben. Weil wir vermutlich schlechtere Menschen als Journalisten sind. Weil wir vielleicht aber auch verstehen, daß jeder Mensch eine andere Art hat, mit solchen Dingen umzugehen.

    EDIT: Ach, Opera und Safari werden bei Ihnen diskriminiert? Hätt ich nicht soviel geschrieben, hätt ich mir den Kommentar jetzt gespart… ;-)

  4. 4 Martin Schneyra

    Danke, das entspricht meinen Gedanken die ich gestern hatte. Ich hab die allerdings nicht so eloquent verbloggt. Auch wenn ichs versucht hab.

    Gestern war es das erste Mal kurz davor, dass ich twitterrific ganz ausgemacht hätte. Peinlich, wie so viele (von denen ich anderes erwartet hätte) da aufspringen.

  5. 5 Picki

    @germanpsycho

    Der einzige Maßstab den ich bei Twitter anlege, ist ein menschlicher. Und der ist selbstverständlich nie perfekt.

    Ich halte es dennoch für einen Unterschied, ob ich an einem Kneipentisch mit einer Audience von vielleicht 10 Personen oder einer Klowand mit einer Leserschaft von ein paar Tausend bis zum nächsten Anstrich solche Sprüche lasse – oder im stets googlefähigen Internet mit entsprechendem Hashtag.

    Für mich ist Twitter all das, was Sie oben beschreiben, das entbindet uns aber nicht von unserem Verstand und unserer Grundethik in solchen Situationen wie gestern.

  6. 6 German Psycho

    Natürlich nicht. Das denke ich ja auch: Jeder einzelne Mensch ist dafür verantwortlich, was er schreibt.

    Nicht Sie sind verantwortlich für das, was ich schreibe, so wie ich nicht für Ihre Tweets verantwortlich bin.

    Es gibt also keinen Grund, sich zu schämen. Es gibt natürlich durchaus Gründe, jemandem zu „entfolgen”, wenn sich jemand daneben benommen hat. Da beginnt nämlich wieder unsere persönliche Verantwortung.

    Aber unterschätzen Sie bitte auch nicht, daß Abwehrmechanismen bei jedem Menschen unterschiedlich sind. Der typisch zynische Gerichtsmediziner mag als Beispiel herhalten.

  7. 7 Weltregierung

    Ich denke das Followen und Entfollowen erfüllt da
    seinen Zweck zu genüge.

    Niemand wird gezwungen Sarkasmus zu mögen
    und zu lesen.

    Tweets sind halt nur 140 Zeichen
    und lassen nicht den Platz, um die ganze
    Killerspieldiskussion, die Waffenrechtsdiskussion
    die “Was-ist-mit-solchen-Teenies-los?-Diskussion
    gleichzeitig mit dem Tweet abzubilden.

    Der eine nimmt´s mit Betroffenheit.
    Der andere überspielt die Anteilnahme
    mit zynischen Kommentaren.

    Wir sind halt alle verschieden.

    - Grussregierung.

  8. 8 Picki

    @germanpsycho

    ich habe das Wort “schämen” überhaupt nicht verwendet.
    Ich habe von mangelnder inhaltlicher Medienkompetenz geschrieben und vom Bürgerboulevard und von der persönlichen Verantwortung.

    Entfollwed habe ich gestern einige, denn da haben Sie natürlich Recht. Niemand zwingt einen Tweets zu lesen.

  9. 9 NurMaKuckn

    @Picki @germanpsycho

    Ich stimme irgendwie beide Ihrer Meinungen zu. Während früher der ein oder andere geschmacklose Spruch (von natürlich Unbetroffenen) am Stammtisch fallengelassen oder nur kurz gedacht wurde, so bietet das Internet heutzutage im Rahmen der mehr oder weniger sicheren Anonymität die Möglichkeit diese reisserischen Headlines (darauf bauen auch viele offline medien) zur selbstdarstellung zu verwenden. Auch bietet erst dieses Medium die Möglichkeit in kürzester Zeit viele Menschen zu erreichen. Bis man realisiert was man dort macht/gemacht hat ist es schon draussen. (Wie gerne hätte man mal den ersten Entwurf einer Email gesendet)

    Andererseits sieht man den uneingeschränkt sichtbaren (Seelen-)Striptease auf Seiten wie Facebook u.ä., dass das Bewusstsein mit dem sinnvollen Umgang des Mediums Internet im Allgemeinen noch nicht erlernt oder erkannt wurde. Erst wenn die ersten Konsequenzen sichtbar werden so z.B. wenn ein zukünftiger Arbeitgeber soetwas gegen einen verwendet, wird dem einen oder anderen bewusst werden, dass man nicht immer alles sagen und schreiben muss (und soll – vor allem in Fällen wie diesen mit Rücksicht auf die Betroffenen). Derzeit ist dies oder wird es als nahezu Konsequenz-freier Raum betrachtet was das Hauptproblem im Umgang mit dem Internet an sich darstellt.

    Vielen haben die Leistungsfähigkeit des Elefantenhirns Internet noch nicht realisiert und gehen mit ihm deswegen in einer kindlichen Naivität um – allerdings mit dem Wort als Waffe.

    Daher ist meine Meinung darf man solchen Kommentaren nicht mehr als Dummheit attestieren andererseits hilft ein blog wie der Ihre den einen oder anderen hoffentlich zumindest zum Nachdenken zu bringen.

  10. 10 g.emiks

    ich glaube an die grenzen der grenzen
    und immer noch an die vernunft!

    http://ahoipolloi.blogger.de/stories/1357209

  11. 11 Lukas

    Ich hab twitter gestern ausgemacht. Zum Einen, weil ich weder Zynismus, noch Fassungslosigkeit lesen wollte; zum Anderen um zu verhindern, dass ich selbst Boshaftigkeiten über die ganze Medienscheiße da gestern reinschreibe. Dann habe ich den Fernseher ausgemacht und sämtliche Nachrichtenwebsites gemieden. Das geht jetzt so seit 27 Stunden und ich bin mir nicht sicher, ob ich diese selbst auferlegte Nachrichtensperre jemals wieder aufheben möchte.

  12. 12 Picki

    @lukas es geht mir exakt so wie Dir!

  13. 13 markus jakobs

    Mir ist gestern niemand negativ aufgefallen, muss wohl an meinen Qualitätsfollowern liegen ;-)

    Mangelnde Medienkompetenz ärgert mich auch, aber viele haben halt einen zu kleinen Horizont.

  14. 14 German Psycho

    Oh, habe gerade gemerkt, daß ich zu denen gehöre, denen Sie nun nicht mehr folgen. Dabei habe ich doch gar nichts Schlimmes geschrieben? Oder doch?

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