Terrortainment oder die Wahrheit?

Es ist einer dieser Tage an dem die Welt im Chaos versinkt und wer twittert sitzt in der ersten Reihe. Die gefühlte Nähe zur Katastrophe reicht bis zur Bordsteinkante des Taj Mahal Hotels. Mehr als 6000 Tweets pro Stunde tauchen im globalen Twitterstream auf und berichten. Sieht man sich diese Flut von 140-Zeichen Mininachrichten genauer an, stellt man fest: Die meisten davon sind Re-Tweets, also Wiederholungen von Tweets, die bereits wer weiss wie oft und von wievielen durch die Timeline gejagt worden sind. Ob wirklich grade nochmal ein Feuer ausgebrochen ist, wieviele Geisel tatsächlich noch in der Gewalt von wem auch immer sind, eine verläßliche Information bekommt man nicht so recht. Umso bedenkenswerter, das CNN auf Twitterer in der Berichterstattung zurückgreift, die sie aus genau dieser weltweiten Timeline herausgreifen. Manche dieser vermeintlichen Vorort-Berichterstatter haben in ihrem Twitterprofil nichts zu bieten ausser ihrem Nickname. Keinen Klarnamen, keinen Link auf eine Website oder ein Blog.

Was macht das mit mir, mir persönlich? Nun. Erst einmal finde ich die Live Berichterstattung über ein Microblogging Tool bemerkenswert und sehr gut. Sie könnte in Katastrophenfällen wie diesen echten Nutzen bringen. So wie die Blutspenden-Aufrufe oder der Hinweis, Familiennachfragen doch bitte mit dem Hashtag #mumbaifamily zu taggen. Und es gibt sicher noch sehr viel mehr wirklich sinnvolle Aktionen, die man über Twitter, etc.. verbreiten kann. Allerdings sollten diese, soweit es mich angeht, über ein vertrauensvolles Account verbreitet werden. Schließlich hat jeder Twitterer, der seinen Tweet mit #mumbai hashtaggt über die Suchbegriff-Auswertung von search.twitter.com SOFORT eine Attention die über seine normalen 10 Follower hinausgeht. Auf einmal fällt er CNN, BBC oder DerWesten auf. Je reißerischer und emotionaler der Mensch berichtet umso größer die erzeugte Aufmerksamkeit.

Doch wo ist sie, die viel besungene Authentizität des Web2.0? Kann ich in Katastrophensituationen den Nachrichten eines Twitterusers, der nur aus einem Nickname besteht, wirklich vertrauen? Und kann ich in der heutigen medialen Zirkuswelt einem Nachrichtensender, der sich auf solche Twitterer bezieht, vertrauen, daß er zugunsten einer belegten vertrauenswürdigen Quelle der Wahrheit näher kommt und stattdessen nicht der Erste ist, der eine Meldung bringt? Nochmal: ich finde es gut, das es Bürgerjournalismus gibt. Und mir fällt auch spontan keine Lösung ein, die authentische, glaubwürdige Bürger-Berichterstattung sicherstellen könnte, ausser “Bitte melden Sie sich hier mit ihrem Klarnamen und ihrer Adresse an, bevor sie uns sagen, in welche Richtung der Terrorist grade läuft”. Es geht sicher um das Verantwortungsbewußtsein des Einzelnen und der Einzelnen in der wilden Horde.

Genervt haben mich zum Beispiel die folgenden Dialoge um die Nachricht, ob von offizieller Stelle aus Mumbai darum gebeten wurde, doch bitte nicht mehr über Polizei- und Militäraktionen zu twittern, da die Terroristen möglicherweise ebenfalls die Twittertimeline lesen.

(bitte von unten nach oben lesen)
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Es bleibt festzustellen, Twitter ist schneller als andere Medien, aber deshalb nicht glaubwürdiger und einen Umgang mit diesem schnellen Tool müssen wir alle und selbst die Digital Natives erst lernen. Zurück zur Frage, was dies alles bei mir persönlich auslöst, die Antwort: ich glaube dem Netz immer weniger, ich bin immer verunsicherter, oft wütend und immer öfter deprimiert was die Glaubwürdigkeit von Informationen betrifft, und damit schließe ich die Informationen vermeintlich seriöser Quellen ein.

Warum, frage ich mich, twittert eigentlich kein grosser Sender direkt vor Ort (z.B. cnninthefield), statt wie fast alle grossen Medienunternehmen, lediglich einen RSS Feed einzubinden? Dann müsste ich mir auf der Suche nach einer glaubwürdigen Quelle nicht erst einen Wolf googlen, oder irgendwo anrufen, wie dieser Mensch (Geschlecht unbekannt):

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Und in anderen Krisengebieten, z.b. im Kongo, wo jeden Tag tausende Menschen auf der Flucht sind, dort scheinen die Menschen keine Computer zu haben und keine Handys und keine Kameras. Und deshalb gibts von dort und darüber auch kein Terrortainment. Dort sterben die Menschen einfach so, scheinbar ohne das es uns interessiert. Und das ist das Schlimmste.

Update:
mehr zu den hässlichen Seiten von Twitter bei der HAZ, dem Spiegel.

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5 Responses to “Terrortainment oder die Wahrheit?”


  1. 1 tufman

    “Und in anderen Krisengebieten, z.b. im Kongo, wo jeden Tag tausende Menschen auf der Flucht sind, dort scheinen die Menschen keine Computer zu haben und keine Handys und keine Kameras. Und deshalb gibts von dort und darüber auch kein Terrortainment. Dort sterben die Menschen einfach so, scheinbar ohne das es uns interessiert. Und das ist das Schlimmste.”
    Genau das bringt es auf den Punkt: Rein ethisch betrachtet sollte doch das taegliche Leid und der Tod von Zigtausend Menschen doch eher die Relevanzkriterien unserer Aufmerksamkeit erfuellen, aber nein: Es ist u.a. der Hype des “Terrortainments” :(
    Nicht desto trotz glaube ich, dass die Vorteile des individuell modulierten Informationskanal des Twitterstreams zur Findung von “Wahrheit” ueberwiegen. Ob jetzt dabei jemand anonym ist oder nicht, finde ich nicht so wichtig. U.U. ist es ja zum eigenem Schutz besser anonym zu bleiben. Aber wie gesagt zweitrangig meines Erachtens.

    Was mich interessiert ist: Ja, den Opfer von Mumbai gedenke ich. Aber das Verhaeltnis moechte ich niemals vergessen, naemlich das dies nur ein kleiner Bruchteil von dem ist, wieviele Menschen sonst an einem einzigen Tag aufgrund Hunger, Elend, Morden, … sterben oder in dieser Umgebung unter diesen Umstaenden elendig leiden. Dieses Verhaeltnis ist eine unvorstellbare Kluft und findet keine Beachtung.

    Danke fuer die Erinnerung.

    Ryan

  2. 2 Picki

    @tufman
    Du hast natürlich recht damit, das ein Klarname allein nicht zwingend für “Wahrheit” steht, und manchmal dient es natürlich auch dem Schutz des Informanten anonym zu bleiben.

  3. 3 ring2

    “kann ich in Katastrophensituationen den Nachrichten eines Twitterusers, der nur aus einem Nickname besteht, wirklich vertrauen?”

    Das ist natürlich eine rhetorisch einfache Frage. Komisch aber, dass sich deutsche online-Medien auch noch beschweren, dass ihnen die Hinweise heutzutage auf dem Silbertablett präsentiert werden.

    Natürlich wird das Einordnen und Quellenchecken zur Hauptaufgabe der Medien bei solchen Katastrophen. Aber eines ist sicher: noch nie war die Materiallage so gut, wie heute. In ein paar Jahren werden Handyfotos druckfähig und -videos sendefähig sein.

    Ein rundfunktheoretischer Traum wird wahr!

  4. 4 Picki

    @ring2
    komisch auch, das sich die Online/Offline-Medien scheinbar gar nicht die Mühe geben, selbst zum Handy zu greifen um zu streamen oder zu twittern. (bis auf wenige Ausnahmen.

    Stimme Dir zu, Einordnen und Quellenchecken wird im Rahmen von digitalem Bürgerjournalismus wieder zu einer größeren Aufgabe. Die Frage ist nur: ist das wirklich leistbar mit den schrumpfenden Redaktionen und lässt man es dann doch sein, um als die Breaking News zu bringen?

  5. 5 Markus

    Picki, dieser Artikel ist ein wichtiger Gegenentwurf zum vorschnellen [sic!] Bejubeln von Twitter als schnellem Medium, wie etwa auf TechCrunch geschehen: I Can’t Believe Some People Are Still Saying Twitter Isn’t A News Source.

    Du hast vollkommen Recht: Informationen müssen immer auch verifizierbar sein. Sind sie es nicht, taugen sie zu kaum mehr als ein Aufmerksamkeitserreger zu sein und als Anstoß zu weitergehenden Recherchen.

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