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Searching America

Historische Tage

11.04.08 | 15 Comments

Ich bin froh, daß ich in meinem Leben schon an einigen historischen Momenten teilhaben konnte. Ich meine neben den persönlichen historischen Momenten wie der erste Kuss, die erste 5 in der Schule, die erste Fahrt im eigenen Auto, die Diplomurkunde in eine Pfütze fallen lassen – ich meine die wirklichen, für sehr viele Menschen historischen Momente.

Als ich 1975 auf den Schultern meines Vaters der Verkündung der Abstimmung über die Unabhängigkeit meines geliebten Heimatortes Hohenlimburg lauschte, die allerdings zu Ungunsten Hohenlimburgs ausfiel, war dies vielleicht der erste kleine historische Augenblick. Noch heute gibt es alle paar Jahre Anstrengungen die Unabhängigkeit zurückzuerobern. Alle Hohenlimburger fuhren Autos mit Aufklebern, auf denen stand: “Hohenlimburg statt Hagen”. Manche fahren auch jetzt noch damit herum.

Dann kam das Studium, und ich saß im November 1989 in meiner ersten eigenen Wohnung in Glücksburg /Flensburg und kannte erst eine Handvoll Komilitonen. Ich hatte kein eigenes Auto und war absolut nicht mobil. Am Abend des 9. November, als ich irgendeine frühe Rosamunde-Pilcher Verfilmung o.ä. sah, auf jeden Fall einen Spielfilm – erschien auf einmal ein Ticker im Bild. Ich glaube es war der erste Ticker, den ich überhaupt je gesehen hatte, soweit ich mich erinnere. Auf jeden Fall lief durch das Bild “Die Berliner Mauer ist offen. Das Programm wird in Kürze unterbrochen”. Mehr nicht. Ich werde das nie vergessen. Ich habe sofort wild in meinen 6 Programmen hin- und hergeschaltet und saß den Rest der Nacht Rotz und Wasser heulend vor dem Fernseher. Ich wünsche, ich hätte ein Auto gehabt um nach Berlin zu fahren oder Wismar oder so, oder ein Handy um jemanden anzurufen der ein Auto hat. Aber ich hatte nicht mal ein Telefon. Tragisch. Von Internet träumten wir nur. Also kaufte ich am nächsten Tag von (fast) jeder Zeitung ein Exemplar, steckte es in eine Plastikfolie und dann in eine Holzkiste. Den Inhalt dieser Kiste, dachte ich, werde ich irgendwann einmal meinen Kindern zeigen.

Dann kam der 11. September 2001. Ich saß an diesem Morgen in einem Kundenmeeting bei der TUI. Irgendwann ging die Tür des Besprechungsraums auf, ein Mitarbeiter steckte den Kopf herein und sagte: “Ein Sportflugzeug ist grade ins World Trade Center geflogen”. “Oh”, sagten wir alle und arbeiteten weiter. Ein paar Minuten später ging die Tür wieder auf: “Es war eine Boeing”. Da sahen wir uns alle an und sagten nichts. Im Flur hörten wir die Leute hin- und herlaufen. Dann stand der TUI-Mitarbeiter auf und sagte: “Lassen Sie uns mal kurz gucken”. Wir standen mit einigen Leuten um einen PC herum und versuchten verzweifelt eine Internetseite aufzurufen. Irgendwann kamen wir dann auf bild.de, die innerhalb kürzester Zeit ihren ganzen KlickiBunti-Kram runtergenommen hatten – und nur ein Bild zeigten: Die Türme, in die mittlerweile das zweite Flugzeug geflogen war. Natürlich wurde das Meeting abgebrochen. Die nachfolgende Woche hat mich paralysiert. Mein Fehler war, einen Fernseher in meinem Büro zu haben. Ich starrte den ganzen Tag auf die 6 Ticker auf CNN. 3 oben, 3 unten. Irgendwann im Laufe der ersten 24 Stunden, nachts, als Nachrichten ungefiltert und ungeprüft über die Bänder liefen, stand dort irgendwas von der Überlegung der US-Regierung Defcon 1 auszulösen. Da habe ich den Fernseher ausgemacht, bin ans Fenster gegangen, habe auf Hamburg gesehen und hatte ein ohnmächtiges Gefühl tiefer Angst. Ich werde das, genau wie den Mauerfall, nie vergessen. Weder den Moment, noch das Gefühl dabei. Am nächsten Morgen kaufte ich wieder von (fast) jeder Zeitung ein Exemplar und steckte es in meine historische Kiste.

Jetzt ist der 4. November 2008. Es gibt Blogs. Cool. Heute nacht geht die Ära Bush zu Ende. Schon allein dafür wird der halbe Planet eine Flasche Champagner öffnen. Heute nacht wird vielleicht der erste afro-amerikanische Präsident der USA gewählt, oder der Älteste oder die erste weibliche Vize-Präsidentin. Das ist alles historisch und gross – das erste vor allem. Doch das ist es nicht allein, es sind die Amerikaner selbst, die einem durch das Internet, durch tausende Videos und mittlerweile wahrscheinlich Millionen Tweets wieder näher gekommen sind. Die Bilder und Sätze der Menschen zu lesen, ihre Begeisterung zu spüren, zu sehen wie sich die jungen Menschen haben mobilisieren lassen – das macht es so besonders. Und das der Rest der Welt mit dabei ist, das unsere Videos, unsere Tweets, unsere Blogs, beitragen. Der Gedanke daran, daß die Wahlparties diese Nacht nicht nur in Amerika sind, sondern überall, auf der ganzen Welt – das bedeutet, das Amerika heute Nacht gewonnen hat. Und egal wie es ausgeht heute Nacht werden sie, wie wir 2006, für mich die “Wähler der Herzen” sein.

Morgen früh werde ich wieder (fast) alle Zeitungen kaufen, sie sorgfältig in eine Plastikhülle stecken und in die historische Kiste packen. Haltet mich für altmodisch, aber ich freue mich darauf, irgendwann irgendwelchen Kindern (wer weiss, vielleicht ja doch noch meinen eigenen) diese Papiere zu zeigen, zusätzlich zu all den digitalen Dokumenten, die diese Nacht hervorbringen wird.

Doch bei allen pathetischen Gedanken habe ich auch Angst, daß es zu Kravallen kommt und ich hoffe wirklich sehr, daß heute Nacht niemandem etwas passiert, ausser morgen früh einen dicken Kopf zu haben.

PS: Es gibt noch einen historischen Moment, an den ich mich gerne erinnere. Die WM 2006. Es ist eher eine Welle als ein Moment. Und ich werde mich immer wieder gerne daran erinnern wie unser Land neben den Nörgeleien, dem Pessimismus und den ständigen politischen Ypsilantereien auch sein kann: begeistert, emotional und herzlich.

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