Archive for November, 2008

Terrortainment oder die Wahrheit?

Es ist einer dieser Tage an dem die Welt im Chaos versinkt und wer twittert sitzt in der ersten Reihe. Die gefühlte Nähe zur Katastrophe reicht bis zur Bordsteinkante des Taj Mahal Hotels. Mehr als 6000 Tweets pro Stunde tauchen im globalen Twitterstream auf und berichten. Sieht man sich diese Flut von 140-Zeichen Mininachrichten genauer an, stellt man fest: Die meisten davon sind Re-Tweets, also Wiederholungen von Tweets, die bereits wer weiss wie oft und von wievielen durch die Timeline gejagt worden sind. Ob wirklich grade nochmal ein Feuer ausgebrochen ist, wieviele Geisel tatsächlich noch in der Gewalt von wem auch immer sind, eine verläßliche Information bekommt man nicht so recht. Umso bedenkenswerter, das CNN auf Twitterer in der Berichterstattung zurückgreift, die sie aus genau dieser weltweiten Timeline herausgreifen. Manche dieser vermeintlichen Vorort-Berichterstatter haben in ihrem Twitterprofil nichts zu bieten ausser ihrem Nickname. Keinen Klarnamen, keinen Link auf eine Website oder ein Blog.

Was macht das mit mir, mir persönlich? Nun. Erst einmal finde ich die Live Berichterstattung über ein Microblogging Tool bemerkenswert und sehr gut. Sie könnte in Katastrophenfällen wie diesen echten Nutzen bringen. So wie die Blutspenden-Aufrufe oder der Hinweis, Familiennachfragen doch bitte mit dem Hashtag #mumbaifamily zu taggen. Und es gibt sicher noch sehr viel mehr wirklich sinnvolle Aktionen, die man über Twitter, etc.. verbreiten kann. Allerdings sollten diese, soweit es mich angeht, über ein vertrauensvolles Account verbreitet werden. Schließlich hat jeder Twitterer, der seinen Tweet mit #mumbai hashtaggt über die Suchbegriff-Auswertung von search.twitter.com SOFORT eine Attention die über seine normalen 10 Follower hinausgeht. Auf einmal fällt er CNN, BBC oder DerWesten auf. Je reißerischer und emotionaler der Mensch berichtet umso größer die erzeugte Aufmerksamkeit.

Doch wo ist sie, die viel besungene Authentizität des Web2.0? Kann ich in Katastrophensituationen den Nachrichten eines Twitterusers, der nur aus einem Nickname besteht, wirklich vertrauen? Und kann ich in der heutigen medialen Zirkuswelt einem Nachrichtensender, der sich auf solche Twitterer bezieht, vertrauen, daß er zugunsten einer belegten vertrauenswürdigen Quelle der Wahrheit näher kommt und stattdessen nicht der Erste ist, der eine Meldung bringt? Nochmal: ich finde es gut, das es Bürgerjournalismus gibt. Und mir fällt auch spontan keine Lösung ein, die authentische, glaubwürdige Bürger-Berichterstattung sicherstellen könnte, ausser “Bitte melden Sie sich hier mit ihrem Klarnamen und ihrer Adresse an, bevor sie uns sagen, in welche Richtung der Terrorist grade läuft”. Es geht sicher um das Verantwortungsbewußtsein des Einzelnen und der Einzelnen in der wilden Horde.

Genervt haben mich zum Beispiel die folgenden Dialoge um die Nachricht, ob von offizieller Stelle aus Mumbai darum gebeten wurde, doch bitte nicht mehr über Polizei- und Militäraktionen zu twittern, da die Terroristen möglicherweise ebenfalls die Twittertimeline lesen.

(bitte von unten nach oben lesen)
Picture 378

Es bleibt festzustellen, Twitter ist schneller als andere Medien, aber deshalb nicht glaubwürdiger und einen Umgang mit diesem schnellen Tool müssen wir alle und selbst die Digital Natives erst lernen. Zurück zur Frage, was dies alles bei mir persönlich auslöst, die Antwort: ich glaube dem Netz immer weniger, ich bin immer verunsicherter, oft wütend und immer öfter deprimiert was die Glaubwürdigkeit von Informationen betrifft, und damit schließe ich die Informationen vermeintlich seriöser Quellen ein.

Warum, frage ich mich, twittert eigentlich kein grosser Sender direkt vor Ort (z.B. cnninthefield), statt wie fast alle grossen Medienunternehmen, lediglich einen RSS Feed einzubinden? Dann müsste ich mir auf der Suche nach einer glaubwürdigen Quelle nicht erst einen Wolf googlen, oder irgendwo anrufen, wie dieser Mensch (Geschlecht unbekannt):

Picture 379

Und in anderen Krisengebieten, z.b. im Kongo, wo jeden Tag tausende Menschen auf der Flucht sind, dort scheinen die Menschen keine Computer zu haben und keine Handys und keine Kameras. Und deshalb gibts von dort und darüber auch kein Terrortainment. Dort sterben die Menschen einfach so, scheinbar ohne das es uns interessiert. Und das ist das Schlimmste.

Update:
mehr zu den hässlichen Seiten von Twitter bei der HAZ, dem Spiegel.

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Historische Tage

Ich bin froh, daß ich in meinem Leben schon an einigen historischen Momenten teilhaben konnte. Ich meine neben den persönlichen historischen Momenten wie der erste Kuss, die erste 5 in der Schule, die erste Fahrt im eigenen Auto, die Diplomurkunde in eine Pfütze fallen lassen – ich meine die wirklichen, für sehr viele Menschen historischen Momente.

Als ich 1975 auf den Schultern meines Vaters der Verkündung der Abstimmung über die Unabhängigkeit meines geliebten Heimatortes Hohenlimburg lauschte, die allerdings zu Ungunsten Hohenlimburgs ausfiel, war dies vielleicht der erste kleine historische Augenblick. Noch heute gibt es alle paar Jahre Anstrengungen die Unabhängigkeit zurückzuerobern. Alle Hohenlimburger fuhren Autos mit Aufklebern, auf denen stand: “Hohenlimburg statt Hagen”. Manche fahren auch jetzt noch damit herum.

Dann kam das Studium, und ich saß im November 1989 in meiner ersten eigenen Wohnung in Glücksburg /Flensburg und kannte erst eine Handvoll Komilitonen. Ich hatte kein eigenes Auto und war absolut nicht mobil. Am Abend des 9. November, als ich irgendeine frühe Rosamunde-Pilcher Verfilmung o.ä. sah, auf jeden Fall einen Spielfilm – erschien auf einmal ein Ticker im Bild. Ich glaube es war der erste Ticker, den ich überhaupt je gesehen hatte, soweit ich mich erinnere. Auf jeden Fall lief durch das Bild “Die Berliner Mauer ist offen. Das Programm wird in Kürze unterbrochen”. Mehr nicht. Ich werde das nie vergessen. Ich habe sofort wild in meinen 6 Programmen hin- und hergeschaltet und saß den Rest der Nacht Rotz und Wasser heulend vor dem Fernseher. Ich wünsche, ich hätte ein Auto gehabt um nach Berlin zu fahren oder Wismar oder so, oder ein Handy um jemanden anzurufen der ein Auto hat. Aber ich hatte nicht mal ein Telefon. Tragisch. Von Internet träumten wir nur. Also kaufte ich am nächsten Tag von (fast) jeder Zeitung ein Exemplar, steckte es in eine Plastikfolie und dann in eine Holzkiste. Den Inhalt dieser Kiste, dachte ich, werde ich irgendwann einmal meinen Kindern zeigen.

Dann kam der 11. September 2001. Ich saß an diesem Morgen in einem Kundenmeeting bei der TUI. Irgendwann ging die Tür des Besprechungsraums auf, ein Mitarbeiter steckte den Kopf herein und sagte: “Ein Sportflugzeug ist grade ins World Trade Center geflogen”. “Oh”, sagten wir alle und arbeiteten weiter. Ein paar Minuten später ging die Tür wieder auf: “Es war eine Boeing”. Da sahen wir uns alle an und sagten nichts. Im Flur hörten wir die Leute hin- und herlaufen. Dann stand der TUI-Mitarbeiter auf und sagte: “Lassen Sie uns mal kurz gucken”. Wir standen mit einigen Leuten um einen PC herum und versuchten verzweifelt eine Internetseite aufzurufen. Irgendwann kamen wir dann auf bild.de, die innerhalb kürzester Zeit ihren ganzen KlickiBunti-Kram runtergenommen hatten – und nur ein Bild zeigten: Die Türme, in die mittlerweile das zweite Flugzeug geflogen war. Natürlich wurde das Meeting abgebrochen. Die nachfolgende Woche hat mich paralysiert. Mein Fehler war, einen Fernseher in meinem Büro zu haben. Ich starrte den ganzen Tag auf die 6 Ticker auf CNN. 3 oben, 3 unten. Irgendwann im Laufe der ersten 24 Stunden, nachts, als Nachrichten ungefiltert und ungeprüft über die Bänder liefen, stand dort irgendwas von der Überlegung der US-Regierung Defcon 1 auszulösen. Da habe ich den Fernseher ausgemacht, bin ans Fenster gegangen, habe auf Hamburg gesehen und hatte ein ohnmächtiges Gefühl tiefer Angst. Ich werde das, genau wie den Mauerfall, nie vergessen. Weder den Moment, noch das Gefühl dabei. Am nächsten Morgen kaufte ich wieder von (fast) jeder Zeitung ein Exemplar und steckte es in meine historische Kiste.

Jetzt ist der 4. November 2008. Es gibt Blogs. Cool. Heute nacht geht die Ära Bush zu Ende. Schon allein dafür wird der halbe Planet eine Flasche Champagner öffnen. Heute nacht wird vielleicht der erste afro-amerikanische Präsident der USA gewählt, oder der Älteste oder die erste weibliche Vize-Präsidentin. Das ist alles historisch und gross – das erste vor allem. Doch das ist es nicht allein, es sind die Amerikaner selbst, die einem durch das Internet, durch tausende Videos und mittlerweile wahrscheinlich Millionen Tweets wieder näher gekommen sind. Die Bilder und Sätze der Menschen zu lesen, ihre Begeisterung zu spüren, zu sehen wie sich die jungen Menschen haben mobilisieren lassen – das macht es so besonders. Und das der Rest der Welt mit dabei ist, das unsere Videos, unsere Tweets, unsere Blogs, beitragen. Der Gedanke daran, daß die Wahlparties diese Nacht nicht nur in Amerika sind, sondern überall, auf der ganzen Welt – das bedeutet, das Amerika heute Nacht gewonnen hat. Und egal wie es ausgeht heute Nacht werden sie, wie wir 2006, für mich die “Wähler der Herzen” sein.

Morgen früh werde ich wieder (fast) alle Zeitungen kaufen, sie sorgfältig in eine Plastikhülle stecken und in die historische Kiste packen. Haltet mich für altmodisch, aber ich freue mich darauf, irgendwann irgendwelchen Kindern (wer weiss, vielleicht ja doch noch meinen eigenen) diese Papiere zu zeigen, zusätzlich zu all den digitalen Dokumenten, die diese Nacht hervorbringen wird.

Doch bei allen pathetischen Gedanken habe ich auch Angst, daß es zu Kravallen kommt und ich hoffe wirklich sehr, daß heute Nacht niemandem etwas passiert, ausser morgen früh einen dicken Kopf zu haben.

PS: Es gibt noch einen historischen Moment, an den ich mich gerne erinnere. Die WM 2006. Es ist eher eine Welle als ein Moment. Und ich werde mich immer wieder gerne daran erinnern wie unser Land neben den Nörgeleien, dem Pessimismus und den ständigen politischen Ypsilantereien auch sein kann: begeistert, emotional und herzlich.

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