Visitenkarten-Identität

Warum macht es eigentlich manchmal einen Unterschied ob man einem Menschen in seiner Jobfunktion oder in seinem Privatleben begegnet? Oder fällt das nur mir auf?

Unternehmer und Manager sprechen Wirtschaftssprache; Business-Code. Der Business-Code umfasst nicht nur eine Sprache sondern einen Lebensraum. Den Lebensraum des Titels, der Visitenkarten-Identität. Diese Visitenkarten-Identität, die bei manchen Entscheidungen ihres Businesslebens die Vorstellungen ihrer Besitzer über Moral und Ethik für den Return-on-Invest beseite schiebt. So will es das Spiel im ökonomischen Markt. Auf dem Sofa zu Hause, beim Spielen mit den Kindern, wenn man mit Freunden zusammen ist; dann kann man authentisch sein.

Allerdings gibt es auch Menschen, die nur selten ihre Visitenkarten-Identität ablegen. Immer Vorstand; immer Geschäftsführer; ständig im Manager-Modus. Gibt es da noch etwas anderes im Leben? Findet das noch statt?

Warum ist es so schwierig sowohl im Job als auch privat die gleiche Authentizität zu zeigen? Ist das nicht schizo? Und wird sich das jetzt durch das Web 2.0, den „social networks“ und all den anderen kommunikativ runden Sachen ändern?

5 Responses to “Visitenkarten-Identität”


  1. 1 Sebastian

    Menschen, die sich im Business verstellen, sind mir grundsätzlich suspekt. Ich merke das meist ganz schnell und halte entsprechenden Sicherheitsabstand.

    Menschen, die Ihr Unternehmen leben, brauchen sich nicht zu verstellen.

    Viele Grüße vom Wannsee,

    Sebastian

  2. 2 Tobias E. Lampe

    Hm… auf die Gefahr hin jetzt philosophisch zu werden: für mich besteht persönliche Identität aus zahlreichen Facetten. Je nach Kontext, und Funktion die man auszuüben hat, kommen diese Facetten in ganz unterschiedlicher Akzentuierung zu tragen. Unterschiedliches Verhalten im Jobleben und Privatleben hat für mich daher nicht zwingend was mit Verstellen zu tun.

    Natürlich müssen dann Privatperson und “Visitenkartenidentität” (schönes Wort!) miteinander vereinbar sein. Ein Widerspruch würde dauerhaft wohl wirklich zu Schizophrenie führen. Es darf jedoch nicht vergessen werden, dass der Austausch der zwei “Rollen” keine Einbahnstraße ist: Die Visitenkartenidentität wird nicht nur vom Wesen der Privatperson beeinflusst; auch umgekehrt wird das Persönlichkeitsbild nachhaltig von der ausgeübten beruflichen Tätigkeit geprägt.

    Dass es das Spiel im ökonomischen Markt so will, dass Ethik und Moral reiner ROI-Denke dem Vortritt lassen müssen sehe ich auch nicht so. Vielmehr zeichnet sich ein Trend ab, dass sich ethische Richtlinien im Markt durchsetzen. Die Zunahme von CSR (corporate social responsibility) Aktivitäten ist nur ein Beispiel dafür.

  3. 3 Peter S. aus K.

    Für manch einen ist der Titel auf einer Visitenkarte ja auch eine Trophäe. Hauptsache “VP of irgendwas” muß 5-x Jahre nach dem Studiumsabschluss draufstehen. Egal ob das mit Erfahrung und Erfolgen erreicht wurde.

    Aber ich gebe Sebastian recht – man merkt das bei solchen Fällen doch recht schnell. Es ist aber auch nicht wirklich ganz einfach auf der einen Seite seinen persönlichen Charakter zu halten, und auf der anderen Seite nicht den “Vorstand” zu irritieren.

    Klar, es gibt auch da Köpfe mit Charakter – das merkt man dann auch in den ersten Minuten. Das schöne ist dann, das BEIDE zwar die Visitenkarten ausgetauscht haben – dies aber nur ein Mittel zum Zweck ist, nämlich die Telefonnummern nicht abschreiben zu müssen.

    Paßt doch irgendwie auch zu Deinem “Erdungs Blog Eintrag” – Bleibt man gut geerdet, dann ist es egal was auf einer Karte draufsteht! Schließlich sind wir ja nicht in Japan ;-)

    Gruß

    Peter

  4. 4 Till Achinger

    Über Rollen, damit verbundene Masken und ihre hilfreiche Funktion kann man bei Interesse einiges z.B. bei Erving Goffman nachlesen: Sie vereinfachen die Kommunikation, indem sie gegenseitige Erwartungen vordefinieren.

    Auch das Denken in verschiedenen Wertmustern muss nicht gleich schizophren sein, sondern ist nur Ausdruck der Vertretung unterschiedlicher Interessen, so lange man nicht seine elementaren moralischen Grundsätze verrät.
    Die Manager-Rolle ist dann nicht weniger “authentisch” als zum Beispiel die Vater-Rolle.

    Um eine andere Sichtweise auf Rollen zu präsentieren: Man kann sie sich statt als Hinzufügen des Nicht-Authentischen auch als Weglassen des Nicht-Relevanten denken. Würdest Du außer dem Key-Accounter etcpp. gleich auch dem Sohn, dem Vater, dem Ehemann und Fußballfan begegnen, würde das Eure Unterhaltung eher erschweren.

    Man sollte sich hinter seiner Rolle oder “Visitenkarten-Identität” nicht verschanzen, aber so wenig wie ich gleich jedem sämtliche Kontaktdaten oder meine privaten Netzwerk-Profile freischalte, gebe ich gleich jedem geschäftlichen Gegenüber meine ganze private Seite preis. Das mag die gefühlte Authentizität mindern, sorgt aber auch für Schutz.

  5. 5 Picki

    Ich glaube, daß die Info, ob jemand “Sohn, Vater, Fussballfan” oder so ist, würde mir sogar sehr helfen – weil ich dann manche Handlungen, Äusserungen oder Verhaltensweisen in einem anderen Kontext sehen kann.

    Mein Vater hatte, bevor er in Rente ging, immer ein kleines Buch in das er solche Informationen reinschrieb, weil es ihm in Verhandlungen immer geholfen hat, sich auch jenseits des Visitenkartentitels mit seinem Gegenüber zu unterhalten – nicht über das Wetter, sondern mit und über den Menschen. Heute sind das die Social Networks oder Xing.

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